Erhebung und Auswertung autobiografisch-narrativer Interviews
Autobiografisch-narratives Interview
Aufbau eines autobiografisch-narrativen Interviews
Transkription und Transkriptionsregeln
Literatur zum Thema autobiografisch-narratives Interview
Software für die Qualitative Empirie
Autobiografisch-narratives InterviewDiese Technik ist maßgeblich von dem Soziologen Fritz Schütze entwickelt worden. Sie besteht darin, den Interviewpartner nicht mit standardisierten Fragen zu konfrontieren, sondern ganz frei zum Erzählen zu animieren. Es gibt - so die Grundthese - subjektive Bedeutungsstrukturen, die sich im freien Erzählen über bestimmte Ereignisse herausschälen, sich einem systematischen Abfragen aber verschließen würden. Denn auch im Alltag spielen Erzählungen eine herausragende Rolle:
- Erzählungen sind natürliche, in der Sozialisation eingeübte Diskursverfahren, mit denen sich Menschen untereinander der Bedeutung von Geschehnissen ihrer Welt versichern" (Wiedemann 1986, S. 24).
- Durch Erzählungen werden übergreifende Handlungszusammenhänge und -verkettungen sichtbar.
- Erzählungen dienen auch der Verarbeitung, der Bilanzierung und Evaluierung von Erfahrungen.
Die Interviewpartner werden also dazu aufgefordert, zu einem bestimmten Thema eine typische Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen, ein für das Thema wichtiges Ereignis, ein Schlüsselerlebnis, einen typischen Geschehensablauf. Der Interviewer greift während der Erzählung nicht ein, es sei denn, der rote Faden der Geschichte ginge verloren.
Dabei kommt ihm/ihr allerdings etwas zugute: Es gibt in der Linguistik Untersuchungen, die zeigen, daß Erzählungen in der Alltagskonversation eine feste Struktur, einen immer ähnlichen Aufbau, eine universelle Grammatik besitzen. Im wesentlichen besteht danach eine Erzählung aus sechs Teilen:
- Abstract als einführender Überblicksteil;
- Orientierung als Schilderung, worum es geht;
- Komplikation;
- Evaluation als Einschätzung des Geschehens;
- Auflösung;
- Koda als Schlußbetrachtungen.
Diesen Erzählaufbau versucht der Interviewer also zu unterstützen, wenn der Interviewpartner von der Geschichte abweicht. Dieser Aufbau ist aber dann auch die Grundlage für einen Vergleich mehrerer Erzählungen, für die Auswertung und schließlich Verallgemeinerung der Ergebnisse. Eine Strukturierung des Gesprächs wird hier nicht vom Interviewer vorgenommen, sie liegt in der Sprachform "Erzählung" selbst, auf die man sich im narrativen Interview festlegt.
Grundgedanken
- Das narrative Interview will durch freies Erzählenlassen von Geschichten zu subjektiven Bedeutungsstrukturen gelangen, die sich einem systematischen Abfragen versperren würden.
- Die Strukturierung des Gesprächs geschieht durch den universellen Ablaufplan von Erzählungen, den der Interviewer unterstützt.
Narrative Interviews lassen sich sinnvoll natürlich nur dann einsetzen, wenn es zum Thema der Untersuchung etwas zu erzählen gibt. Dies wird also der erste Schritt im Ablaufplan sein: den Erzählgegenstand zu bestimmen. Dazu gehört auch, daß man Interviewpartner gewinnt, bei denen man sich sicher ist, daß sie eine Erzählung präsentieren können. Das Interview selbst teilt sich dann in drei Teile.
(1) Zunächst geht es um die Erzählstimulierung. Dem Interviewpartner wird in einer Eingangsfrage das Thema vorgestellt und begründet. Es wird versucht, eine Vertrauensbasis herzustellen, um den Interviewpartner dann aufzufordern, sich eine Erzählung zum Thema zurechtzulegen.
(2) Im zweiten Teil wird dann die Erzählung präsentiert; der/die Interviewpartner/in sorgt dafür, daß der rote Faden nicht verloren geht, daß der Erzähler immer wieder zur Geschichte mit ihrer universellen Struktur zurückfindet.
(3) Erst im dritten Teil, nach Abschluß der Erzählung, ist es dem Interviewer gestattet, nachzufragen, unklare Punkte zu klären, Warum-Fragen zu stellen, um zu den vom Erzähler intendierten subjektiven Bedeutungsstrukturen zu gelangen.
Anwendungsgebiete
Aus dieser Beschreibung ist auch klar geworden, wann sich das narrative Interview sinnvoll einsetzen läßt.
- Zum einen kann diese qualitative Technik nur angewandt werden, wenn Erzählungen stimuliert werden können. Das Thema muß also einen starken Handlungszusammenhang aufweisen, dramatische Sequenzen enthalten oder sich zumindest in solchen Sequenzen äußern.
- Zum anderen ist diese Technik immer dann angezeigt, wenn es um subjektive Sinnstrukturen geht, die sich nicht einfach direkt erfragen lassen.
- Auch unerforschte Gebiete, Neuland, wird man eher mit narrativen Interviews erschließen können; es stellt eine vergleichsweise explorative Technik dar.
aus: Mayring, Philipp: Narratives Interview (S. 54 - 56). In: Mayring, Philipp: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken, 3. überarbeitete Auflage, München (Beltz, Psychologie Verlags Union) 1996
Aufbau eines autobiografisch-narrativen Interviews
Das autobiografisch-narrative Interview besteht aus mehreren Teilen:
Zunächst erfolgt die Erzählaufforderung durch den Interviewer, in der kurz der Ablauf des Interviews erläutert wird und der Informant gebeten wird, nun mit der Erzählung zu beginnen. Wichtig ist dabei, dass der Erzählstimulus möglichst allgemein formuliert wird, um dem Interviewten keinen festen Rahmen vorzugeben. Falls die interviewte Person Nachfragen stellt, dürfen auch diese nicht zu konkret beantwortet werden. Eine zu große Beeinflussung wäre schon, wenn man auffordert, von den Eltern, den Geschwistern, Freunden oder der Schule zu erzählen.Exemplarischer Erzählimpuls: "Mein Interesse liegt an Ihrem ganzen Leben, so von Anfang an, und zwar in Bezug auf ... (das zu erforschende Phänomen). Das Interview selbst hat zwei Teile. Im ersten Teil sind erst nur Sie dran. Da können Sie erzählen, frei weg, so wirklich von Anfang an, wie alles passiert ist, wie alles gekommen ist. Und dann im zweiten Teil stelle ich Ihnen noch ein paar Nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Ich würde gerne - wenn es Ihnen recht ist - ein paar Notizen machen, wenn Sie erzählen, damit ich später noch weiß, was ich nachfragen wollte."Alternativer exemplarischer Erzählimpuls: "Ich hab gesehen / weiß / hab gehört, dass du (gerne) sammelst / Farben magst / besonderen Wert auf deine Einrichtung legst. Erzähle doch mal bitte, wie du dazu gekommen bist, so von Anfang an. Vielleicht gab es Erlebnisse, die du früher hattest. Leg los, wann du magst und nimm dir soviel Zeit, wie du möchtest. Ich werde dich nicht unterbrechen. Aber ich würde mir gerne Notizen machen. Und wenn du fertig bist, würde ich gerne evtl. Nachfragen stellen.
In der Haupterzählung hat der Informant die Gelegenheit, ausführlich seine Lebensgeschichte zu erzählen. Der Interviewer soll die erzählende Person in diesen Teil nicht unterbrechen , da sonst die Gefahr besteht, dass die erzählende Person den "roten Faden" verliert. Die Rolle der interviewenden Person soll sich auf die eines Zuhörers beschränken, der Aufmerksamkeit bekundet.
Nachdem die erzählende Person ihre lebensgeschichtliche Darstellung beendet hat, meist durch eine Koda signalisiert ("So, das war's, mehr weiß ich nicht."), beginnt der Interviewer mit seinen Nachfragen, nachdem er die Erzählbereitschaft des Informanten honoriert hat. Es kann aber auch vorkommen, dass eine solche Koda (mehrmals) benutzt wird und die erzählende Person doch nochmals von sich aus fortfährt, deshalb sollte man mit dem Nachfragen nicht zu früh beginnen.
Diese Nachfragen sollten an die Haupterzählung anknüpfen und neue narrative Sequenzen hervorlocken ("Wie-Fragen" stellen).
Erst im nächsten Teil des Interviews stellt der Interviewer Fragen, die die erzählende Person zu Argumentationen, Erklärungen und Abstraktionen über sein Leben bringen sollen ("Warum-Fragen").
Zum Schluss bedankt sich der Interviewer bei der erzählenden Person für ihre Offenheit und die Bereitschaft, zum Interview zur Verfügung gestanden zu haben.
Transkription und Transkriptionsregeln
Wörtliche Transkription
Die zeit-ökonomische Form der Bearbeitung von Tonbandmitschnitten, bei der nicht ganze lange Gespräche oder Interviews insgesamt, sondern nur wichtige Teile und Schlüsselstellen, transkribiert werden, ist folgendermaßen zu gliedern:
- Erstes Anhören des ganzen Bandes, um einen Gesamteindruck zu bekommen.
- Beim zweiten Anhören des Bandes Notizen anfertigen: einzelne wichtige Szenen mit Stichworten charakterisieren und Zählwerknummer notieren.
- Bestimmte Szenen auswählen und voll transkribieren. Die Eingangssequenz (ca. die ersten 10 Minuten des Interviews) sollten auf jeden Fall transkribiert werden.
Die zwei Vorgehensweisen der wörtlichen Transkription, bei der die vollständige Texterfassung verbal erhobenen Materials angestrebt ist, sind:
- Jedes gesprochene Wort sowie lautsprachliche Äußerungen bzw. Töne (z. B. "äh", "also", "eh" oder "mhm") werden im gebräuchlichen Alphabet wiedergegeben. Dialekt wird nicht in Hochdeutsch gesetzt.
- Die gesprochenen Worte werden in ein normales Schriftdeutsch übertragen. Lautsprachliche Äußerungen werden weggelassen. Dialekt wird ins Hochdeutsche übertragen.
Kommentierte Transkription
Die zeit-ökonomische Form der Bearbeitung von Tonbandmitschnitten, bei der nicht ganze lange Gespräche oder Interviews insgesamt, sondern nur wichtige Teile und Schlüsselstellen, transkribiert werden, ist folgendermaßen zu gliedern:
- Erstes Anhören des ganzen Bandes, um einen Gesamteindruck zu bekommen.
- Beim zweiten Anhören des Bandes Notizen anfertigen: einzelne wichtige Szenen mit Stichworten charakterisieren und Zählwerknummer notieren.
- Bestimmte Szenen auswählen und voll transkribieren. Die Eingangssequenz (ca. die ersten 10 Minuten des Interviews) sollten auf jeden Fall transkribiert werden.
Die kommentierte Transkription hat zum Ziel, zusätzliche über das Wortprotokoll hinausgehende Informationen zu geben:
1. Pausen, Betonungen, Sprachbesonderheiten durch Sonderzeichen,
2. zusätzliche Kommentare nach vorher festgelegten Kriterien.
Die wichtigsten Regeln lauten:
- P.: = Abkürzungen für die jeweils sprechende Person
- I.: = Äußerungen der interviewenden Person sollte immer auf diese Weise gekennzeichnet sein.
- (unverständlich) = unverständliche Äußerungen
- (Also morgen will ich?) = nicht genau verständlicher, aber vermuteter Wortlaut
- ( ) oder [...] = Auslassung durch die transkribierende Person
- wahnsinnig = auffällige Betonung (unterstrichen)
- wahnsinnig = größere Lautstärke (fett)
- jaaa = Dehnung (Je mehr Vokale aneinandergereiht sind, desto länger die Dehnung.)
- (Lachen) bzw. (lacht), (Unruhe), (Papierrascheln), (geht raus) = Charakterisierung nichtsprachlicher Vorgänge
- Ich habe @immer so ein komisches@ Gefühl dabei. = Lachend gesprochene Worte werden zwischen zwei "@-Zeichen" gesetzt.
- (kurze Pause), (lange Pause), (3 Sek. Pause) = Absetzen einersprachlichen Äußerung, evtl. in Sekundenangabe
Es gibt keine einheitlichen Transkriptionsregeln. Außerdem gibt es wesentlich mehr Transkriptionsregeln (so z. B. die Partiturschreibweise, durch welche gleichzeitiges Sprechen erfasst wird). Aber je mehr dieser Regeln den wörtlichen Text ergänzen, desto schwieriger ist der Text für andere zu lesen.
Diese Transkriptionsregeln wurden zusammengestellt nach:
- Altrichter, Herbert / Posch, Peter: Lehrer erforschen ihren Unterricht. Eine Einführung in die Methoden der Aktionsforschung, Bad Heilbrunn (Verlag Julius Klinkhardt) 1990, S. 121
- Koring, Bernhard: Zur Professionalisierung der Lehrtätigkeit. Eine empirisch-hermeneutische Fallstudie. In: Zeitschrift für Pädagogik, Nr. 6, 1989, S. 787
- Mayring, Philipp: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken, 3., überarbeitete Auflage, München (Psychologie Verlags Union) 1996, S. 70 - 73
Georg Peez: Forschungsethische Aspekte in der qualitativen erziehungswissenschaftlichen EmpirieDeutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft: Standards erziehungswissenschaftlicher Forschung
Literatur zum Thema autobiografisch-narratives Interview
Friebertshäuser, Barbara: Interviewtechniken - ein Überblick. In: Friebertshäuser, Barbara/ Prengel, Annedore (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim/München (Juventa) 1997, S. 371-395
Hof, Christiane: Gedanken zum Erzählen in der Bildungsarbeit, 1991
Jakob, Gisela: Das narrative Interview in der Biographieforschung. In: Friebertshäuser, Barbara/ Prengel, Annedore (Hg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim/München (Juventa) 1997, S. 445-458
Koller, Hans-Christoph/ Kokemohr, Rainer (Hg.): Lebensgeschichte als Text. Zur biographischen Artikulation problematischer Bildungsprozesse. Weinheim (Deutscher Studien Verlag) 1994
Kraimer, Klaus: Narratives als Erkenntnisquelle. In: Friebertshäuser, Barbara/ Prengel, Annedore (Hg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim/München (Juventa) 1997, S. 459-468
Krüger, Heinz-Hermann/ Marotzki, Winfried (Hg.): Handbuch erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. Opladen (Leske+Budrich) 1999
Lamnek, Siegfried: Das qualitative Interview. In: Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung, Band 2, Methoden und Techniken, München (Psychologie Verlags Union) 1989, S. 35 - 120
Reh, Sabine: Textualität der Lebensgeschichte - Performativität der Biographieforschung. In: Handlung Kultur Interpretation. Zeitschrift für Sozial- und Kulturwissenschaften, Heft 1, 2001, S. 12-28
Schütze, Fritz: Narrative Repräsentation kollektiver Schicksalsbetroffenheit. In: Lämmert, F. (Hg.): Erzählforschung. Stuttgart 1982
Schütze, Fritz: Biografieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis, Heft 3 / 1983
Schütze, Fritz: Kognitive Figuren des autobiographischen Stegreiferzählens. In: Kohli, Martin/ Robert, Günther (Hg.): Biographie und soziale Wirklichkeit. Stuttgart (Metzler) 1984, S. 78-117
Schütze, Fritz: Verlaufskurven des Erleidens als Forschungsgegenstand der interpretativen Soziologie. In: Krüger, Heinz-Hermann/Marotzki, Winfried (Hg.): Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. Opladen (Leske+Budrich) 1995
Schütze, Fritz: Rätselhafte Stellen im narrativen Interview und ihre Analyse. In: Handlung Kultur Interpretation. Zeitschrift für Sozial- und Kulturwissenschaften, Heft 1, 2001, S. 12-28
Tietel , Erhard: Das Interview als Beziehungsraum. In: Forum Qualitative Sozialforschung (Online-Journal), Volume 1, No. 2, 2000. Am Beispiel einer schwierigen Interviewbeziehung wird gezeigt, daß und in welcher Weise das Beziehungsgeschehen im Interview sowie die Verwendung des Beziehungsraums des Interviews durch den Befragten entscheidende heuristische Hinweise zum Aufspüren und Verstehen latenter Aspekte des Forschungsthemas geben können. Die im Interview stattfindende Reduktion des potentiell triadischen Beziehungsraums auf dyadisch-geschlossene Beziehungsebenen und der weitgehende Verlust des eigenen Spielraums und der gedanklichen Bewegungsfreiheit des Interviewers schärften den Blick für ähnliche Vorgänge im Untersuchungsfeld. Konzepte wie Beziehungsraum, methodisch geleitete Selbstanalyse des Forschers und Forschungsspupervision werden erläutert.
Wiedemann, P. M.: Erzählte Wirklichkeit. Zur Theorie und Auswertung narrativer Interviews, Weinheim (Psychologie Verlags Union) 1986
Software für die Qualitative Empirie Diese Site listet viele relevante und nützliche Programme auf, mit denen die erhobenen Materialien qualitativer Empirie (z. B. Protokolle teilnehmender Beobachtung, Dokumentarfotos oder Interviewtranskriptionen) fixiert und bearbeitet werden können. U. a. geht es um die Kodierung von Interviews oder um die Verarbeitung von Videos für Forschungsprojekte.
Georg Peez (http://www.georgpeez.de)
Zuletzt geändert am
20.04.2002