Fotoanalyse nach Verfahrensprinzipien der Objektiven Hermeneutik

Georg Peez

Die Interpretation einer Fotografie steht im Mittelpunkt dieses Beitrags, vorbereitet von methodischen und methodologischen Erörterungen hierzu. Diese Auswertung erfolgt nach Regeln der so genannten Objektiven Hermeneutik. Die Objektive Hermeneutik ist ein seit Beginn der 1970er-Jahre vom Soziologen Ulrich Oevermann entwickeltes Verfahren der qualitativen Empirie. Bisherige vereinzelte Bild- bzw. Fotoanalysen der Objektiven Hermeneutik, die seit den 1990er-Jahren vorliegen, greifen nach einer eingehenden Bildanalyse auf zusätzliches verbalsprachliches Material zurück (Ackermann 1994; Haupert 1994; Loer 1994). D. h., die Analyse des visuellen Materials wird mit der Analyse verbalsprachlichen Materials verifiziert. In einem zweiten Schritt wird deshalb ein Ausschnitt einer Teilnehmenden Beobachtung interpretiert, die in der Situation angefertigt wurde, in der das zuvor erschlossene Foto aufgenommen wurde. Bild- und Textanalyse sind demnach nicht als konkurrierende, sondern als sich ergänzende Interpretationswege zu verstehen. Im abschließenden Teil wird der Bitte der Herausgeber nachgekommen, ein Foto zu analysieren, dessen Kontext dem Autor unbekannt ist.

Prolog: Methodologische und methodische Grundlagen der Objektiven Hermeneutik
Vor ca. zehn Jahren wurde die Objektive Hermeneutik, eine qualitativ-empirische Forschungsmethode der sinnverstehenden Soziologie, "als derzeit reflektiertester und elaboriertester Ansatz innerhalb der deutschen qualitativen Sozialforschung" (Ackermann 1994, 196) bezeichnet. Die Sequenzanalyse, als Kern der Objektiven Hermeneutik ist "sogar das grundlegende methodologische und methodische Prinzip" (Bohnsack 2003, 95) für qualitative Forschung (Peez 2 2002, 224).
Objektive Hermeneutik geht aus von der Regelgeleitetheit sozialen Handelns und der in dieser Regelgeleitetheit liegenden Sinnstrukturiertheit von sozialen Abläufen. Ziel ist es, diese das Handeln bestimmenden Regeln und ihre latenten Sinnstrukturen zu erfassen. Die zugegebenermaßen "befremdliche" (Leber/ Oevermann 1994, 384) Bezeichnung "objektiv" führte immer wieder zu Missverständnissen und Objektivismusvorwürfen, weshalb Ulrich Oevermann "aus Konzilianz" (Loer 1994, 341) gegenüber seinen Kritikern selbst vorübergehend von 'Strukturaler' statt von 'Objektiver' Hermeneutik sprach (Leber/ Oevermann 1994, 383). Objektive Hermeneutik nimmt nicht für sich in Anspruch, objektive Ergebnisse zu rekurrieren (wie dies z. B. von Hubig 1985, 335 vermutet wird). Sondern die Objektive Hermeneutik geht davon aus, die Bedeutungsgehalte und Sinnstrukturen menschlichen und sozialen Handelns ausfindig zu machen, "die sich unterderhand durchsetzen und dem Geschehen ihren Stempel aufdrücken" (Aufenanger/ Garz/ Kraimer 1994, 227f.). Diese Bedeutungsgehalte und latenten Sinnstrukturen benennt das Verfahren als "objektiv", da nur sie die Handlungsabläufe weiter beeinflussen. Sie haben Bestand. Sie sind keine subjektiven mentalen Konstruktionen einzelner Akteure.
Die Objektive Hermeneutik gehört also nicht zu den "Nachvollzugs-Hermeneutiken" (Leber/ Oevermann 1994, 383), im Sinne von: Was könnte diese Person gedacht oder gemeint haben? Es geht nicht um Verfahren der Perspektiven-Übernahmen, nicht vornehmlich um Fremdverstehen oder um Introspektion. Dies ist wichtig im erziehungswissenschaftlichen Kontext zu betonen, denn die Pädagogik neigt ja zu dieser empathischen Vorgehensweise, welche von der pädagogischen Praxis leicht in die Theorie und wissenschaftliche Methodik transferiert wird.
Extensive Sinnauslegung bedeutet im Idealfall: Eine Gruppe von Menschen (alle mit der Forschungsmethode vertraut und unter Beteiligung eines Protokollanten) versucht, gemeinsam in Form von Rede und Gegenrede alle erdenklichen Sinnstrukturen eines zu analysierenden Textes zu ermitteln.
Zentrale Prämisse der Objektiven Hermeneutik ist, dass alle in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften relevanten Daten als Texte anzusehen sind, die Bedeutung bzw. Sinnstrukturen konstituieren. Dabei ist der Textbegriff nicht auf den sprachlichen Ausdruck beschränkt, erst recht nicht auf den schriftsprachlichen. "Vielmehr ist alles als Text anzusehen, was symbolische Bedeutung trägt." (Leber/ Oevermann 1994, 384f.) So wie der Textbegriff, ist auch der Begriff des Protokolls über unser Alltagsverständnis hinaus zu erweitern und kann Bilder jedweder Art mit einschließen. Denn die Kategorie des Protokolls meint sämtliche materialen Aspekte der Spur oder des Überrestes, die ein sinnstrukturierendes Ereignis hinterlässt. Methodologisch bedeutsam ist, dass wir sozialwissenschaftlich und empirisch stets nur von einer "durch Protokolle vermittelten Realität" (Leber/ Oevermann 1994, 385) ausgehen können.
Die sequenzanalytische Vorgehensweise, nach der in der Objektiven Hermeneutik interpretiert wird, hat man sich so vorzustellen: Ein Protokoll - beispielsweise ein transkribiertes Interview - wird Satz für Satz nacheinander analysiert. Die Analyse des ersten Satzes ist in der Regel am zeitaufwändigsten, denn die Analysierenden kennen noch nicht den gesamten Text, sondern eben nur den ersten Satz. Der Analyse liegt weitgehende Kontextfreiheit zugrunde (Wernet 2000, 21ff.). Dieser erste Satz bietet sehr viele, auch sehr unwahrscheinliche Interpretationsmöglichkeiten. All diese Lesarten müssen zur Geltung kommen können und probeweise an die folgenden Passagen angelegt werden. Satz für Satz lassen sich dann die "latenten Sinngehalte" herausarbeiten, denn der jeweils zuletzt hinzugenommene Satz reduziert die Anzahl der zu Beginn gefundenen Sinnstrukturen immer weiter, bis im Idealfall Gehalte gefunden werden, die nur anhand des vorliegenden Protokolls sinnvoll sind (Wernet 2000). "Die extensive Fallinterpretation ist bis auf weiteres beendet, wenn die Sinnstruktur plausibel in einer Kernaussage zusammengefasst werden kann und der Fall zugleich in seiner Besonderheit wie als Ausdruck allgemeiner Strukturbedingungen verstanden ist. Die Auswertung qualitativer Daten zielt auf eine exemplarische Strukturanalyse ab: Die Exemplarik des Einzelfalls, nicht Repräsentativität ist ihr Ziel." (Kade 1994, 306)
Die entscheidende Legitimation, in der Interpretation sequenzanalytisch vorzugehen, d. h. chronologisch wie es der Fall in seiner Abfolge vorgibt, liegt darin, dass man überhaupt nur auf diesem Wege die Sinnkonstitution nachvollziehen kann, denn Sinn konstituiert sich in der Regel auch prozessual (Leber/ Oevermann 1994, 387). Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen der Anwendung der Objektiven Hermeneutik auf Fotografien. Denn auf einem Foto bietet sich alles Abgebildete dem Betrachter simultan (Cartier-Bresson 1952, S. 80; Kemp 1999, S. 25ff) - und eben nicht sequenziell. Theodor W. Adorno formulierte dieses Merkmal von Bildern folgendermaßen: "Im Bild ist alles gleichzeitig." (Adorno 1965, 35)
 
Zur Übertragung objektiv-hermeneutischer Verfahren auf die Fotoanalyse
Die geschilderten Prinzipien der Objektiven Hermeneutik werden im Folgenden auf die Analyse einer Fotografie angewendet. Die zentrale Herausforderung hierfür ist die Sequenzialität - wie oben dargestellt. Die Fotografie fixiert nicht nur einen bestimmten Augenblick, sondern sie bietet all dessen Aspekte simultan. Über ein Foto zu schreiben, erfordert hingegen die Berücksichtigung der Zeit. Die wahrgenommenen Aspekte müssen nacheinander zu Papier gebracht werden (Peez 2004). Dies soll über die formale Eigendynamik gelingen, die die zu analysierende Fotografie bietet, über die Gewichtung ihrer Bildgegenstände, über Zentren, Schwerpunkte, dominante Linien wie Diagonale, Senkrechte oder Waagerechte, aber auch mittels Kontrasten, der Formen, Farben, Richtungen oder Hell- und Dunkelverteilungen. Diese formalen Elemente beeinflussen zunächst die Blickführung eines Betrachters, gekoppelt mit dem fast gleichzeitigen Erkennen der gegenständlichen Komponenten des Fotos. Von Kompositionselementen im engeren Sinne Bohnsacks (Bohnsack 2003b) ist hier schwerlich zu sprechen, denn es handelt sich um kein komponiertes Bild, sondern um eine Momentaufnahme, die eher dem Schnappschuss als einer bewusst gestalteten Fotografie zuzurechnen ist (s. Exkurs weiter unten). Auf diesen "ikonischen Pfaden" (Loer 1994, 348f.; Ackermann 1994, 203f.), die demnach formal vorgegeben sind und auf denen das Auge 'wandert', die zum Teil zu "ikonischen Zentren" (Ackermann 1994, 204) hinführen, ergeben sich erste Deutungen, die sich Stück für Stück im Schreiben zu abgewogeneren Interpretationen verdichten. Die Beschreibung tritt zum Ende in den Hintergrund; lediglich Einzelheiten, die der Wahrnehmung bisher entgingen, fließen in die Analyse weiter ein. Da ein Foto über mehrere Blickrichtungen zu erschließen ist, wird nicht von einem einzig richtigen Bildpfad ausgegangen. In der Analyse wurden zwar unterschiedliche Bildpfade 'betreten'; in der hier vorliegenden verschriftlichten Ergebnis-Form können diese aber nicht alle dokumentiert werden. Es wurde deshalb die Darstellungsweise der selektiven Plausibilisierung gewählt (Flick u. a. 2 1995 , S. 169). Wichtig ist, dass die Fotografie für die objektiv-hermeneutische Interpretation Schritt für Schritt, also sequenziell erschlossen wird, und dass sich diese Sequenzialität an Blickbewegungen orientiert, die durch Form und Inhalt des Fotos geleitet werden (Peez 2004).  

Analyse der Fotografie (Abb. 1)
Der Blick führt von links auf einer durch Tischkanten gebildeten Diagonalen ins querformatige Foto hinein zur Bildmitte - hinweg über eine im Vordergrund an einem Tisch gebeugt sitzende Person. In der Bildmitte befindet sich eine Gruppe junger Menschen, vielfach mit dunkler Kleidung, die sich vom hellen Hintergrund abhebt; rechts ein langes, leeres Regal vor weißer Wand und links eine helle Fensterfront. Auf diesem ikonischen Zentrum der Fotografie verweilt das Auge. Unter den dunklen, fast schwarz gekleideten Personen wird der Blick auf ein leuchtend gelb-orangenes Hemd - vielleicht ein Sweatshirt - geleitet. Daneben ist noch ein heller Pullover einer weiteren Person zu erkennen. Die Träger dieser Kleidungsstücke sind vorgebeugt und beide von hinten zu sehen. Ihre Köpfe kann man nicht erkennen. Eingerahmt wird dieser helle, farbige Fleck in der Gruppe nach links hin von einer Person, einem Jugendlichen, der sich gerade mit seinem Oberkörper dreht und etwas in der Hand hält, eine offenbar schwarze Flasche. Die Personengruppe steht um einen Tisch. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, um wie viele Personen es sich handelt, so eng sind sie beieinander. Dieses ikonische Zentrum wird nach links hinten gesäumt von zwei weiteren dunkel gekleideten Personen, die als Zweiergruppe eng zusammen stehen, aber offenbar an einem anderen Tisch als die zentrale Gruppe. Am rechten Rand des Tisches der zentralen Gruppe steht eine ebenfalls dunkel gekleidete Person, ein Jugendlicher. Er hat sich nach vorne mit dem Kopf tief über den Tisch gebeugt. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, obwohl sein Körper dem Betrachter zugewandt ist. Er stützt sich mit seinem linken Arm auf dem Tisch ab, mit dem rechten Arm scheint er etwas mit einem Werkzeug oder Gerät auf der teils dunklen Tischplatte zu bearbeiten. Bei genauerem Hinschauen, sieht man, wie er eine kleine Walze hält, mit der er schwarze Farbe auf der Tischplatte zu verteilen scheint. Links von dieser vorgebeugt stehenden Person, die den rechten Abschluss der Gruppe bildet, gleitet der Blick auf einen ebenfalls dunkel gekleideten aufrecht stehenden Jugendlichen; zum Teil ist er von einer vor im stehenden weiteren Person verdeckt. Dadurch, dass er aufrecht steht, überragt er die Gruppe. Sein Gesicht ist zu erkennen, obwohl auch er es nach unten neigt: ein Jugendlicher mit einer auffallenden Frisur. An der Seite des Kopfes sind seine Haare kurz gehalten, aber die Haarspitzen auf dem Kopf stehen, wie mit Haar-Gel fixiert, nach oben und teils seitlich ab. Auf seiner freien hohen Stirn sind kleine (Akne-) Flecken zu erkennen.
Durch weiteres Hinschauen lassen sich die einzelnen dieser eng aneinander stehenden Personen differenzieren: An diesem Tisch bzw. dieser Tischgruppe befinden sich mindestens sieben Jugendliche. Drei von ihnen stehen mit dem Rücken zum Betrachter. Vier sind vornüber gebeugt, in eine involvierende Tätigkeit auf der Tischplatte vertieft, wozu sie Farbwalzen benötigen. Drei stehen aufrecht. Ein Jugendlicher befindet sich - wie kurz beschrieben - in einer drehenden Körperbewegung: In seiner rechten Hand hält er eine schwarze Flasche, in seiner linken einen kaum erkennbaren Gegenstand, ebenfalls eine kleine, schwarze Walze. Der stehende Jugendliche mit der auffälligen Frisur hat seinen Kopf nur wenig gebeugt, er schaut auf den Tisch und scheint zu sprechen. Er blickt in Richtung der ihm gegenüber stehenden Person, wahrscheinlich einer jungen Frau mit Pferdeschwanz-Frisur. Sie trägt völlig dunkle bzw. schwarze, eng anliegende Kleidung, weshalb sie wohl zuvor den Betrachterblick auch nicht auf sich zog; bis auf ihre weiß-rot leuchtenden Sportschuhe. Sie steht fast aufrecht und sie hält bzw. drückt ebenfalls eine schwarze Walze auf die Tischplatte. Ihre Hand hat eine ähnliche Haltung wie die des rechts stehenden, ihr mit dem Körper zugewandten Jugendlichen. Was die anderen über den Tisch gebeugten Personen tun, insbesondere die beiden mit hellen Oberteilen Bekleideten, lässt sich nicht erkennen, da sie sich mit dem Rücken zur Kamera befinden. Insbesondere der Junge mit dem gelb-orangenen Oberteil und verwaschenen Jeans beugt sich sehr tief über den Tisch. An ihm - und noch an zwei weiteren Personen diese Gruppe - lassen sich auffällig gestaltete Sportschuhe erkennen. Ein ähnliches Muster wie auf diesen Sportschuhen befindet sich auf der Jacke des ganz rechts Stehenden.
Signifikant ist, wie eng die meisten dieser Jugendlichen beieinander stehen, zum Teil scheinen sich ihre Oberkörper fast zu berühren. Durch die unterschiedlichen Körperhaltungen und -bewegungen wirkt die Gruppe dynamisch. Und zugleich ist sie durch die körperliche Nähe in sich weitgehend geschlossen; 'weitgehend' insofern als nach links eine Öffnung durch die drehende Bewegung des stehenden jungen Mannes vorhanden ist und nach rechts hin eine bereits beschriebene Person mit ein wenig größerem Abstand, aber immer noch am gleichen Tisch, steht.
Der Blick richtet sich nun nach links von dieser zentralen, großen Gruppe weg. Hier stehen - wie bereits kurz wahrgenommen - zwei weitere Jugendliche an einem Tisch in der Nähe der Fensterfront. Sie befinden sich vom Betrachter bzw. dem Fotografen aus gesehen am weitesten entfernt. Eventuell dreht sich der Jugendliche mit der schwarzen Flasche aus der großen Gruppe zu ihnen hin oder von ihnen weg. Diese beiden Personen, die ebenfalls weitgehend dunkel gekleidet sind, haben die gleichen Körperhaltungen, wie die Jugendlichen der großen Gruppe. Ein Mädchen mit Pferdeschwanz-Frisur steht so fast aufrecht am Tisch, wie das bereits genauer betrachtete Mädchen im Vordergrund mit Pferdeschwanz-Frisur. Sie geht einer ähnlichen Bewegung über der Tischplatte nach, doch führt sie eine offenbar zeichnende bzw. kratzende Tätigkeit aus. Die zweite, hinter ihr stehende Person wird von ihr teilweise verdeckt. Diese hat sich, den Rücken gekrümmt, tief über den Tisch vor gebeugt. Von ihr sieht man nur noch die rechte Hand, mit der sie ebenfalls zu zeichnen oder zu kratzen scheint. Auch diese beiden stehen ganz eng bei einander. - Es verwundert, dass alle stehen und nicht auf Stühlen sitzen, obwohl sie einer Tätigkeit mit einer kleinen Walze nachgehen oder zeichnen bzw. kratzen und sich hierfür mit dem Kopf über den Tisch beugen müssen,.
Nun wendet sich der Blick vom Hintergrund leicht diagonal auf die sitzende Person ganz links unten im Vordergrund. Der ikonische Pfad führte zu Beginn über sie hinweg diagonal zum Bildzentrum. Sie hebt sich optisch mit ihrem weißen T-Shirt kaum von der weißen Tischplatte ab. Dieser Junge mit Kurzhaarschnitt und einigen Pickeln auf der Wange, der seitlich von hinten zu sehen ist, befindet sich in mehrfacher Weise am Rande des Geschehens. Er ist von der Gruppe der Jugendlichen seitlich abgewandt. Er sitzt im Gegensatz zu allen anderen Abgebildeten auf einem Stuhl und an einem eigenen Tisch alleine im Vordergrund. Zwar arbeitet auch er an einem Tisch, aber er ist in eine andere Tätigkeit als alle anderen Abgebildeten vertieft. Der Junge im Vordergrund hält einen rot-weißen Klebestift senkrecht auf ein weißes Blatt Papier. Dessen blaue Kappe befindet sich auf dem Tisch. Verschiedene Papierschnipsel liegen vor ihm auf dem Tisch und auf dem weißen Blatt, vielleicht das obere Blatt eines Zeichenblocks. Er klebt wohl Papierstücke auf, erstellt allem Anschein nach eine Collage. Von der Gruppe abgewandt ist er in übertragenem Sinne auch, weil er einen kleinen Kopfhörer in dem Ohr trägt, das dem Betrachter zugewandt ist. Ein Kabel hiervon führt zum vorderen Halsbereich, wird dann aber von der Schulter bzw. vom Rücken verdeckt. Es kann vermutet werden, dass er im anderen Ohr ebenfalls einen solchen "Stöpsel" trägt und von einem tragbaren CD-Spieler ("Discman") Musik hört, so wie dies Jugendliche heute häufig tun.
Nun gerät der Raum, die Umgebung in den Blick. Einiges deutet darauf hin, dass es sich um eine schulische Situation handelt. Da hier wohl bildnerische Techniken ausgeführt werden, könnte es Kunstunterricht sein. Viele Jugendliche befinden sich zusammen bei Tageslicht in einem Raum mit Tischen und Schul-Stühlen. Ein großes, weitgehend leeres Regal steht hinten an der Wand. Bei näherer Betrachtung sieht man, dass auf den unteren Regalböden flache, wohl schwarz gefärbte Papiere abgelegt sind. Links wird der Raum von einer breiten Fensterfront mit darunter befindlichen Heizungen begrenzt. Wenn also der Schluss nahe liegt, dass es sich um eine schulische Situation handelt, so lassen doch andere Aspekte des Fotos Zweifel aufkommen. Zumindest wurde hier keine schultypische Unterrichtssituation fotografiert. Die Tische sind nicht zu den in Klassenräumen für diese Altersgruppe häufig üblichen Tischreihen arrangiert, sondern in Tischgruppen gestellt. Das Geschehen ist nicht, wie beim Frontalunterricht, auf ein Lehrerpult hin zentriert. Eine Lehrperson befindet sich nicht auf dem Foto. Die Jugendlichen - bis auf den einen im Vordergrund - sitzen nicht auf Stühlen, sondern sie stehen, obwohl sich zumindest noch zwei leere Stühle sichtbar im Raum befinden. In der Schule tun sie dies in der Regel lediglich in der Pause, nicht während des Unterrichts. Das Foto scheint aber keine Pausensituation festzuhalten, hierfür wird zu intensiv an ein und derselben Sache gearbeitet. Körperliche Nähe ist durch das abgebildete Raum-Arrangement möglich und diese Möglichkeit wird genutzt. Sie entspricht offenbar entweder einem Bedürfnis der Jugendlichen oder sie ist der ausgeführten Tätigkeit geschuldet - oder beides trifft zu.
Nur der Junge im Vordergrund nimmt eine Körperhaltung ein, die schulischen Gepflogenheiten entspricht: Er sitzt ruhig auf einem Stuhl. Freilich hat er Kopfhörer im Ohr, dies kann wiederum als sehr untypisch, ja in der Regel unerwünscht, für schulischen Unterricht gelten. Seine Aufmerksamkeit ist ganz darauf konzentriert, was der tut, eine Collage anzufertigen. Er schottet sich zweifach ab: Zum einen hört er seine eigene Musik, die Geräusche der anderen aus der Umgebung blendet er hierdurch weitgehend aus. Er sitzt nicht eng bei einem oder mehreren Mitschülern, sondern, soweit das Foto dies nach links und rechts hin erkennen lässt, alleine. Der Junge führt eine ruhige, in sich vertiefte, ja man möchte fast sagen in sich versunkene, intrinsische Tätigkeit aus, zu der er im Moment der Aufnahme weder der Körperbewegung - bis auf das moderate Bewegen von Hand und Unterarm - noch der Kommunikation mit den anderen Jugendlichen bedarf. Bei der Gruppe im Hintergrund ist nicht zu erkennen, dass einer Musik über Kopfhörer hört. Dies wäre auch nicht sinnvoll, denn die Nähe, das Miteinander, die Kommunikation mit Worten und Gesten scheint hier dominant zu sein.
Die hier fotografierte Situation bietet zwei verschiedene Möglichkeiten der bildnerischen Betätigung: (1) im Vordergrund das Collagieren; der Tisch ist mit Materialien hierfür bestückt. (2) Im Hintergrund wird ein Druckverfahren angewandt, hierauf lassen mit etwas kulturellem Kontextwissen die kleinen Hand-Walzen sowie die schwarze Druckfarbe in der Flasche und auf den hinteren Tischen schließen. Diese zwei sehr unterschiedlichen bildnerischen Tätigkeiten bedingen sehr unterschiedliche Verhaltens- und Zugangsweisen, die sich als kontemplativ, konzentriert im Vordergrund und kommunikativ, dynamisch sowie körperbetont im Hintergrund charakterisieren lassen.
Ferner sind drei verschiedene Sozialformen festzuhalten: (1) die Gruppe von ca. sieben Personen, (2) eine Paargruppe von zwei Personen und (3) ein Jugendlicher, der alleine arbeitet. Dies lässt auf einen binnendifferenzierten Kunstunterricht schließen. Unter Hinzunahme allgemeindidaktischen Kontextwissens lässt sich diese fotografierte Situation aufgrund der beobachteten und beschriebenen Merkmale als Offener Unterricht bezeichnen, und konkreter vielleicht als teils werkstattorientierter Unterricht (Druckwerkstatt) mit einzelnen Stationentischen. Zentrales Ergebnis ist, dass sich an den zumindest zwei hier abgebildeten Stationen zwei völlig unterschiedliche Atmosphären herausbilden, die offenbar beide ihre Berechtigung im Schulunterricht haben. Diese unterschiedlichen Atmosphären (s. o.) sind zum einen durch die jeweils angebotene bildnerische Technik bedingt, aber zum anderen sicher auch durch die individuellen oder gruppenbezogenen Dispositionen der jeweils beteiligten Jugendlichen. Sie können hier ihre verschiedenen Bedürfnisse (evtl. im Wechsel zwischen den Stationen) ausleben. (Anm. 1)
 
Hinzunahme einer Protokollsequenz Teilnehmender Beobachtung
Nach der Interpretation der Fotografie werden Ausschnitte aus einem Protokoll zitiert, die sich auf die Situation des Fotos bezieht. Aus Platzgründen muss die Textanalyse zum Collagien entfallen. Aufgrund gebotener Komprimierung können die Ergebnisse der ursprünglich wesentlich ausgiebigeren Sequenzanalyse nur kurz, ergebnisorientiert dargestellt werden.
"Im Raum, in dem die Monotypien erstellt werden, ist es nun sehr voll und laut."
Diesem ersten Satz zufolge stehen für den Unterricht mehr als ein Raum zur Verfügung. Sonst würde die Differenzierung "Raum, in dem die Monotypien erstellt werden," nicht sinnvoll erscheinen. Dieser Raum, dem die Beschreibung gilt, wird dadurch gekennzeichnet, dass in ihm Monotypien erstellt werden (Anm. 2). Dies lässt auf Binnendifferenzierung des Unterrichts bzw. das Stationenprinzip schließen. Für den Fall, dass es sich um Schulunterricht handelt - und hiervon ist nach der Fotoanalyse auszugehen - kann "sehr voll" als ein Merkmal von Schulräumen während des Unterrichts gelten; "sehr laut" jedoch in aller Regel seltener. Das Wort "nun" deutet darauf hin, dass es nicht immer so laut und voll war.
"Einige haben richtig Spaß an diesem Verfahren. Sie genießen die etwas schmierige Konsistenz der Farbe beim Verteilen mit Spachtel und Walze."
Die Situation, in der die Monotypien entstehen, wird im einzelnen nicht geschildert. Dem Protokoll ist beispielsweise vorerst nicht zu entnehmen, wie viele Schülerinnen und Schüler sich im Raum befinden, oder dass sich das Erstellen der Monotypien an Tischen abspielt. Diese Situation ist jedoch soweit durch das Foto und dessen Analyse sowie durch vorangehende Protokollsequenzen geklärt. Diejenigen, die sich auf die Monotypie einlassen ("haben richtig Spaß an diesem Verfahren"), haben offenbar emotional positiv getönte, intensive sensitiv-haptische Erfahrungen mit der Druckfarbe, die durch die "etwas schmierige Konsistenz der Farbe" verursacht sind. Die Worte "Spaß" (mit dem Wort "richtig" bekräftigt) und "genießen" deuten auf die Lustbetonung des Tuns hin. Zudem wird klar, dass die Werkzeuge "Spachtel und Walze" sachgemäß eingesetzt sind, und zwar zum Verteilen der Farbe auf der Glasplatte. Im Gegensatz zum traditionellen Kunstunterricht, der eher in die Handhabung von Zeichen- und Malmaterialien einführt, die feinmotorische Handlungen fördern, findet hier ein Umgang mit Werkzeugen statt, die Grobmotorik erfordern. Gestisches, grobmotorisches Arbeiten gelingt in der Regel besser, wenn man sich hinstellt, statt sitzt, da man dann mit dem Körper, zumindest dem ganzen Arm bis zur Schulter beweglich ist.
"Ein paar machen sich hierbei auch ohne Scheu die Hände schmutzig."
Diese eher gestische Tätigkeit und die unmittelbare Erfahrbarkeit des Materials Druckfarbe mit seiner ihm eigenen Qualität und besonderen Konsistenz, verleiten einige der Jugendlichen dazu, die Hände - des Menschen unmittelbarstes Werkzeug - mit dem Material in Berührung zu bringen und zu nutzen. Das vielleicht noch vorsichtige oder zufällige Beschmutzen der Hände führt bei einem Schüler zum direkten und bewussten Einsatz der Hand:
"Tobias drückt etwa seine ganze Hand in die Farbfläche auf der Glasplatte, so dass seine Hand schwarz wird. Er hält sie stolz hoch und versucht im Scherz, anderen hiermit auf die Schulter zu klopfen."
Materialerfahrungen und scherzhafte sozial-kommunikative Kontaktaufnahme vermischen sich in dieser Szene. Dass eine solche Situation nicht leise, sondern mit Ausrufen und Gesprächen verbunden ist, liegt in der Natur der Sache. Warum es, wie im ersten Satz beschrieben, "laut" ist, wird nun noch nachvollziehbarer. Gerade die auf dem Foto beobachtete Enge muss zudem zwangsläufig hierzu führen. Teile des Körpers kommen zum Einsatz.
"Danach nimmt er ein Papier, walzt es ab und hat seinen Handabdruck, den er entsprechend stolz herumzeigt. "Tobias, lass dich inspirieren", ruft ein Mitschüler."
Die Hand wird hier von Tobias nicht nur als direktes Werkzeug zur Materialerkundung genutzt, sondern auch als Gestaltungsanlass entdeckt. Diese Entdeckung und zugleich Gestaltung scheinen nun nicht mehr reiner Scherz zu sein. Tobias möchte seinen Handabdruck auf einem Papier dauerhaft festhalten. Er macht einen Abzug - im wörtlichen Sinne einen 'Handabzug' - und hat im gleichen Moment ein neues Sujet, ein neues Motiv entdeckt und geschaffen. Auf seine Idee und auf das Blatt des Handabdrucks ist er "entsprechend stolz". Aus einem Spaß, einer unmittelbaren Geste wird Gestaltung, die in gewisser Weise neu für Tobias und die anderen ist. Er präsentiert den Abzug seinen Mitschülern, er schenkt diesem Ergebnis also Beachtung und will hierfür Beachtung der anderen erhalten. Diese bekommt er durch den Ausruf des Mitschülers: "Tobias, lass dich inspirieren." Ein Fach- oder Fremdwort wird in dieser Situation vom Mitschüler benutzt. In ihm steckt - wenn auch leicht scherzhaft, der Situation angemessen - eine gewisse Anerkennung, insbesondere im Sinne des Kunstunterrichts. Denn "Inspiration" ist ein Begriff, der seine Berechtigung durchaus im Künstlerischen hat. Er klingt in der beobachteten Situation etwas 'fremd', weil er zunächst auf die jugendlich-spaßig geprägte Situation wenig zu passen scheint. Doch haben genau hier im Detail einerseits die Absicht von Kunstunterricht und andererseits intrinsisch motiviertes Verhalten des Jugendlichen zusammengefunden. Die Verbindung zwischen beiden "Welten" wurde - gefördert durch die Experimentierfreude - geschaffen; durch das gebotene besondere Material und die dynamische Geste. Die Experimentierfreude verbindet 'Jugend' und 'Kunst' in diesem Moment.
"Mir fällt auf, dass sich die Jungs, die offenbar sportlich sind, Fußball spielen, und zum Teil ein entsprechendes Outfit von lokalen Sportvereinen tragen, stark mit dem Körper beteiligen. Sie sind laut, rufen, sie hinterlassen gestische Spuren in der Farbe, etwa mit der Zahnbürste, dem Spachtel oder der Walze. Sie tänzeln hierbei oft an der Tischkante und bleiben nicht an einer Stelle stehen."
Aspekte, die in der Fotoanalyse bereits ersichtlich wurden, finden hier - teils nochmals deutlicher - ihren Niederschlag. Hervorzuheben ist, dass sich am Tisch der Monotypie eine Gruppe von vorwiegend männlichen Jugendlichen ("Jungs") mit ihren spezifischen Kompetenzen einbringen kann, die dies sonst in der Schule und auch im Kunstunterricht nur bedingt können. Es handelt sich um "sportliche" "Jungs", die sich u. a. dadurch auszeichnen, dass sie körperliche Aktivität dem Ruhigsitzen vorziehen. Ihrem Bewegungsdrang wird in der protokollierten Situation Raum gegeben ("Sie tänzeln hierbei oft an der Tischkante und bleiben nicht an einer Stelle stehen"), er schlägt sich dann in den Gestaltungen nieder ("hinterlassen gestische Spuren in der Farbe, etwa mit der Zahnbürste oder dem Spachtel"). Gerade diese Gruppe wird nicht nur in der Schule allgemein, sondern auch im traditionellen Kunstunterricht wenig angesprochen und mit ihren Bedürfnissen ernst genommen, in einem Kunstunterricht, in dem Ordnung und Sauberkeit als Tugenden noch weithin gepflegt werden.
"Auch gehen sie experimenteller und schneller vor als die vier Mädchen aus der ersten Phase. Ihre Ergebnisse, die Monotypien, achten sie zugleich weniger. Viele ihrer bedruckten Blätter landen unmittelbar im Mülleimer, wohingegen die Mädchengruppe zuvor fast alle Ergebnisse zum Trocknen auslegte."
Prozesse, zumal experimentelle, sind flüchtig, aber sie sind selbstverständlich letztlich für kreative Gestaltung zentral; nur so kann subjektiv Neues entstehen. Eine Kreativitätsförderung ist ohne solche Elemente eigentlich nicht denkbar. Mithilfe von Foto- und Textanalyse lassen sich diese Prozesse rekonstruieren.
Zugleich bietet der beobachtete und mit Fotos teils dokumentierte Unterricht die Möglichkeit für andere Schülerinnen und Schüler, sich nicht in der Atmosphäre dieser lauten und eng beieinander stehenden Gruppe aufzuhalten. Das Foto belegt dies. Andere kreative Atmosphären können sich entwickeln. Die zwei Personen im Hintergrund erstellen ebenfalls Monotypien, aber etwas abseits der großen Gruppe. Und in einer völlig anderen, kontemplativen, in sich zurückgezogenen Atmosphäre befindet sich der im Vordergrund sitzende Schüler. Er erstellt offenbar in Ruhe eine diffizile Collage aus kleinen Papierschnipseln.

Interpretationsansätze zu Abb. 2
Ein Kennzeichen und Verfahrensprinzip der Objektiven Hermeneutik ist die oben bereits angesprochene weitgehende Kontextfreiheit. Sie fördert ein möglichst vorurteilsfreies Analysieren. Durch sie können auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinende Interpretationsansätze generiert werden, die zu tiefer liegenden latenten Sinnstrukturen führen. Freilich müssten solche Ansätze eigentlich mit Interpretationen von parallel erstelltem verbalsprachlichem Material in Beziehung gesetzt werden. Zweiter, die folgende Analyse beeinträchtigender Punkt ist, dass eine Fragestellung, ein Forschungsschwerpunkt fehlt.
Aus nächster Nähe aufgenommen, schauen zwei Personen den Betrachter direkt an, sie schauen in die Kamera. Beide sind Jugendliche und dominieren die linke Hälfte des querformatigen Fotos. Die linke Person sitzt vor der rechten. Die visuell abtastenden Wahrnehmungsbewegungen des Betrachters werden von den Blicken der beiden Personen zunächst festgehalten, sie 'pendeln' zwischen diesen. Es handelt sich um zwei Jugendliche im Alter von etwa 12 bis 14 Jahren. Vor allem verharrt der Betrachter zunächst beim Gesicht der zur Bildmitte hin sitzenden Person, einem Jungen. Er lächelt mit geschlossenen Lippen in die Kamera und trägt eine baseballkappen-ähnliche weiße Kopfbedeckung, mit dem Schild zu seiner rechten Gesichtshälfte gedreht, die rechte Augenbraue teilweise verdeckend. Über dem breiten weißen Band, welches das Schild um die Stirn und den Hinterkopf hält, sind die recht kurz geschnittenen dunklen Haare des Jungen zu sehen. Von hier gleitet der Blick über die Hand dieses Jungen, dessen Unterarm auf der Schulter der zweiten, vor ihm sitzenden Person abgestützt liegt, zum Gesicht der zweiten Person. Auch sie schaut direkt, ja fast offensiv, in die Kamera. Nur ein sehr leichtes Lächeln umspielt ihren Mund. Ihr Blick hingegen scheint ernst, fast kritisch. Es ist das Gesicht eines Mädchens mit schmalem Mund, kräftiger Nase und dunklen Augenbrauen. Ihre Haare sind verdeckt. Beide Jugendliche haben tief braune Augen. Mit ihren geschlossenen Mündern sehen sie sich auf den ersten Blick ähnlich.
Die rechte Hälfte des Fotos wird von einer weiß karierten grünlichen Schul-Wandtafel eingenommen, vor der ein Schul-Stuhl steht, erkennbar an seinen nur zwei hinteren Stuhlbeinen, wodurch diese Stühle leicht stapelbar sind. Auf dem Stuhl scheinen einige Dinge zu liegen, die jedoch zunächst nicht erfasst werden, da der Betrachter wieder von den ikonischen Zentren, den Blicken der zwei Personen eingenommen wird.
Der Junge sitzt entspannt offenbar auf einem gleichen Schul-Stuhl. Obwohl der direkt in die Kamera schaut, ist sein Körper teilweise abgeschirmt oder verdeckt; zunächst vom Schirm bzw. Schild seiner Kopfbedeckung. Da seine Funktion im Bildkontext nicht auszumachen ist, handelt es sich wohl um ein modisches Accessoire, zumal das Schutzschild 'cool' zur Seite gedreht ist. Die rechte Seite des Oberkörpers des Jungen wird von dem linken Arm und der linken Schulter des vor ihm sitzenden Mädchens verdeckt. Außerdem verdeckt er mit seiner lässig über der linken Schulter des Mädchens liegenden Hand zusätzlich einen Teil der eigenen rechten Schulter. Seinen Oberköper hat er aus dem Bildhintergrund heraus nach vorne zur Kamera hin gebeugt. Sein rechtes Bein schlägt er auf das Knie seines linken Beines. Sein linker Arm hängt locker, abgestützt über dem rechten Unterschenkel herab. Die dunklen Haare dieses Jungen bilden einen Kontrast zur weißen Kopfbedeckung mit Schutzschirm und korrespondieren mit dem ungemusterten, einfarbigen dunklen kurzärmeligen Hemd des Jungen, dessen oberster Kragenkopf geöffnet ist. Über seinen linken Oberschenkel hängt ein helles Band herab, das aber zum größten Teil von seinem rechten Bein verdeckt ist. Nur die Großbuchstabenfolge "FREE" oder "EREE" lässt sich erkennen. Es ist wohl Teil eines Schlüsselbandes, an dem Kinder und Jugendliche dieses Alters ihre Haustürschlüssel tragen, meist so genannte Schlüsselkinder. Ferner trägt der Junge dunkle sportliche Halb- oder Freizeitschuhe. Der Bereich über seiner Oberlippe ist umspielt von einem leichten dunklen Flaum, dem Beginn des Bartwuchses, der bei vielen dunkelhaarigen Jungen im Alter von etwa 12 bis 13 Jahren einsetzt und ein Zeichen der bereits begonnenen Pubertät ist.
Das im Vordergrund sitzende Mädchen ist nur im Bereich des Oberkörpers ein wenig von einer Tischkante verdeckt. Es sitzt etwas seitlich nach (von ihr aus gesehen) links gedreht an der linken Bildkante. Sowohl ihr Kopf als auch ihre rechte Schulter mit Arm und ihre Oberschenkel werden von den Bildrändern links angeschnitten. Wie bereits beim Outfit des Jungen handelt es sich auch bei ihrer Kleidung um Alltagskleidung Jugendlicher heute. Sie trägt eine enge ausgewaschene Bluejeans, hierzu eine recht enge Bluejeans-Jacke mit Metallnieten an den Brusttaschen und Metallnieten-Knöpfen, darunter einen hellen, langärmeligen, gerippten Rollkragenpullover. Ihre Haare sind sämtlich bedeckt von einem hellen Kopftuch mit dezentem Tulpenmuster. Die Zipfel ihres Kopftuchs sind am Hinterkopf offenbar verknotet, so dass sie rechts und links über der Schulter von vorne noch zu sehen sind. Hier handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um ein modisches Accessoire, sondern um die religiös motivierte Kopfbedeckung einer jungen islamischen Frau. Die Möglichkeit, dass dieses Kopftuch eine Verkleidung, etwa innerhalb einer szenischen Darstellung ist, ist eher auszuschließen, angesichts der sehr alltäglichen und entspannten Körperhaltung der beiden. Nichts deutet auf ein Theaterstück hin. Beide Brusttaschen ihrer Jeansjacke sind nicht zugeknöpft. Ihre linke Brusttasche ist ausgebeult und leicht geöffnet, hierin scheint etwas zu stecken, vielleicht zwei bis drei Kugelschreiber oder Stifte. Die Finger der Hand des Jungen, die über ihrer Schulter liegt, sind nahe an dieser geöffneten Brusttasche. Sein Ringfinger könnte die Tasche fast ein wenig geöffnet halten. Vertrautheit und dezente körperliche Nähe zwischen Mädchen und Junge dokumentieren sich im Foto. Kann sich der Junge hinter dem Mädchen teilweise verbergen und hierdurch vorgebeugt vielleicht umso direkter und entspannter in die Kamera schauen, so bietet sich ihr diese Möglichkeit nicht bzw. sie nutzt diese Möglichkeit nicht. Sie hat beispielsweise nicht die Beine übereinander geschlagen, so dass der Betrachter des Fotos in ihren Schritt schauen kann. Ihre Hände liegen - unterhalb des Fotos - offenbar bei- oder übereinander auf ihren Oberschenkeln. Nicht nur ihr Blick wirkt offensiv, ja teils kritisch, auch ihre Körperhaltung verrät wenig Scheu vor der Kamera. Ihr Gesicht ist ungeschminkt und streng. Sie trägt keine Ohrringe. Sie erwidert den Blick der Kamera selbstbewusst, sich nicht versteckend und zugleich leicht kritisch.
Nach der Kleidung des Jungen zu urteilen, könnte dieses Innenraum-Foto im Sommer entstanden sein, denn er trägt einen Sonnenschutz und ein leichtes, kurzärmeliges Hemd. Nach der Kleidung des Mädchens zu urteilen, wurde das Foto eher in einer kühlen Jahreszeit aufgenommen, denn sie trägt einen hoch geschlossenen Rollkragenpullover und hierüber eine Jacke. Die weitgehende Verhüllung des Körpers des Mädchens steht nicht nur im Gegensatz zur Kleidung des Jungen. Sondern sie steht auch in Kontrast zu der sehr direkten, offenen, unverdeckten Körperhaltung des Mädchens sowie zu der direkten Berührung durch den hinter ihr sitzenden wohl etwa gleichaltrigen Jungen. Sie lässt ihn mit seiner Berührung gewähren, die er sicher auch zum Anlass des Fotos initiiert. Diese Aspekte deuten auf eine mögliche latente Sinnstruktur zum geschlechtsspezischen Verhalten beider Jugendlicher hin. Mehrere Diskrepanzen zwischen Körperhaltung, Kleidung und Gesten lassen sich rekonstruieren (verhüllter Körper und offene Sitzposition des Mädchens; Berührung des Mädchens durch den Jungen).
Die Kamera, mit der diese Aufnahme gemacht wurde, befindet sich noch leicht unterhalb der Augenhöhe der zwei Jugendlichen, als ob direkt vor ihnen eine weitere Person auch auf einem Stuhl saß und dieses Foto "aus der Hüfte schoss", als ob diese Person eine Digitalkamera leicht vor sich hielt und abdrückte und der Kamerablitz zugleich den Raum erhellte. Die fotografierende Person scheint also zum Kreis der Fotografierten zu gehören. Von der Qualität der Aufnahme her zu urteilen, handelt es sich nicht um ein Foto, das etwa mit einem Fotohandy gemacht wurde, doch die Situation wirkt ähnlich einem solchen Schnappschuss unter Jugendlichen.
Der Blick richtet sich nun auf diverse Utensilien im Hintergrund und auf der rechten Bildseite. Zuerst ist die bereits erwähnte Schul-Wandtafel mit Kästchenmuster zu nennen. Eine Schultafel wird vorwiegend für Frontalunterricht genutzt. Dieser findet in der fotografierten Situation jedoch nicht statt, denn die Tafel ist erstens zugeklappt, sie ist zweitens ganz nach unten Richtung Fußboden gefahren und sie ist drittens sauber abgewischt. Lediglich geringe Wischspuren von Tafelkreideresten lassen sich erkennen, was darauf hindeutet, dass sie in anderen Kontexten durchaus verwendet wird. An der weißen, sauberen Wand hinter den zwei Personen hängen ordentlich gereiht ein großes Geo-Dreieck für Tafel-Zeichnungen sowie darüber ein hierzu gehöriges Lineal und rechts davon ein ebenso großer Tafel-Zirkel. Sowohl die entspannt-lockere Sitzhaltung der zwei Jugendlichen - in diesem Alter und in diesem Ambiente sind sie stets auch Schülerin und Schüler - sowie das Arrangement der Stühle lassen darauf schließen, dass es sich hier nicht um konventionellen Schulunterricht handelt. Die Stühle, die man sieht, bzw. die sich erahnen lassen, sind eher zu einem kleinen halben Sitzkreis - vielleicht für eine Gruppenarbeit - arrangiert. Ein Tisch steht nur am linken Bildrand, hierauf sieht man noch die Ecke eines weißen Blattes Papier. Dieses Blatt Papier sowie die Gegenstände auf dem frei stehenden Schul-Stuhl neben dem Jungen deuten auf die Handlung hin, in der die beiden Personen möglicherweise für das Anfertigen dieses Fotos unterbrochen wurden. Doch was befindet sich im abseits liegenden, weiteren ikonischen Zentrum, auf dem Stuhl? Es sind hellgraue Kieselsteine, alle etwa in der Größe eines halben Handtellers (ca. 5 bis 8 cm). Jeder Stein ist mit jeweils einer anderen Farbe zum Teil bemalt, mit Rot, Blau, Türkis oder Braun. Angesichts der Tatsache, dass ein heller Stein ein klar zu erkennendes großes rotes "A" als Bemalung trägt, lassen sich auf den anderen Steinen auch Buchstaben vermuten, wie etwa auf einem roten Stein ein dunkelblaues "H" und auf einem blau bemalten Stein ein "O" oder "C". Direkt vor diesem Stuhl mit den Steinen sind am rechten und unteren Bildrand der Teil eines Oberarms und eine linke Hand einer weiteren dritten Person zu sehen. Die Hand scheint über ein angewinkeltes Bein gelegt. Die fotografierten beiden Jugendlichen sitzen also mindestens zu viert in der Runde, incl. der fotografierenden Person.
Welche Funktion die auf dem Stuhl liegenden Steine haben, lässt sich aus den Handlungen der Fotografierten nicht ablesen. Sie nutzen die Steine zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht. Vielleicht dienten sie einem Buchstaben- oder Namensspiel. Doch die vertraute Geste der Jugendlichen lässt ein Namens- bzw. Kennenlernspiel eher unwahrscheinlich erscheinen. Um ein Buchstabenspiel kann es sich nur dann handeln, wenn die Abgebildeten der Schrift oder Sprache nicht mächtig wären, die sie zu erlernen haben. Freilich wirkt das Material, wenn es denn didaktisches Material ist, wie Material für die Grundschule - eine Klassen- und Altersstufe über die die Abgebildeten bereits hinaus gewachsen sind. Der Stuhl mit den Kieselsteinen ist aus dem Stuhlkreis etwas heraus und zur Seite geschoben.
 
Kurzes Resümee zur Methodik
Bild und Wort können als zwei zueinander unübersetzbare Modi gelten. Sie sind medial grundlegend different. Und dennoch: Der Grundtenor, der sich in den beschreibenden und deutenden Abtastbewegungen über die erste Fotografie zeigte, bestätigte sich in der Auswertung der zugehörigen Sequenz der Teilnehmenden Beobachtung.
Das Protokoll der Teilnehmenden Beobachtung eröffnet vor allem einen Zugang zu zeitlichen Abfolgen, wie Handlungen und Prozessen. Hier können etwa Geräusche, sprachliche Äußerungen und Dialoge dokumentiert und somit auch ausgewertet werden. Das Foto bietet keine auditiven und keine zeitlichen Aspekte. Hingegen bietet es in seiner eigenen visuellen Spezifik formalen Elemente, die nicht nur Atmosphärisches einfangen, sondern durchaus auch zu konkreten inhaltlichen Auslegungen führen; etwa an beiden Foto-Beispielen die Gliederung des Raumes und damit seine didaktisch beabsichtigte Binnendifferenzierung. Ferner offenbart die Fotografie in zeitökonomischer Weise Aspekte des Raum-Settings insgesamt sowie gleichzeitig sehr viele Details auf einmal. Mit dieser Herausforderung wurde in der vorliegenden Studie sequenzanalytisch, orientiert an der Objektiven Hermeneutik umgegangen. D. h. entlang der Blickrichtungen, die von der Fotografie zunächst vor allem durch ihre formalen, später vermehrt durch ihre inhaltlichen Elemente vorgegeben sind, bewegt sich das Auge des Betrachters auf verschiedenen Bild-Pfaden. Seine Aufmerksamkeit sucht nach Blickpunkten und ikonischen Zentren (Peez 2004). Auf diese Weise wird die Fotografie für die Interpretation sequenziell erschlossen.

Anmerkungen
Anm. 1 Entnommen wurden Abb. 1 sowie die zitierte Protokollsequenz aus der evaluativen empirischen Forschung zu einem von Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Hessischen Kultusministerium geförderten Modellprojekt "Multisensueller Kunstunterricht unter Einbeziehung der Computertechnologie" (2000-2003) im Rahmen des Bund-Länder-Programms "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" (www.kubim.de). Weiteres unter www.muse-forschung.de. Der Typ des Fotos lässt sich am besten mit der Umschreibung "Schnappschuss in dokumentarischer Absicht" charakterisieren. Er handelt sich um ein Foto aus einem Konvolut von 160 Fotos, die in zwei Unterrichtsdoppelstunden und an einem so genannten Projekt-Tag (6 Unterrichtsstunden) angefertigt wurden. Der Schwerpunkt des Fotografen wie auch des Teilnehmenden Beobachters (in personaler Union des Forschers und Verfassers) richtete sich nach der bewusst offen gehaltenen Forschungsfrage: Wie wirkt sich werkstattorientierter Kunstunterricht über zwei Schulräume verteilt auf die Beteiligten sowie die sozialen und gestalterischen Prozesse aus? Die Auswahl des dieser Detail-Studie zugrunde liegenden Fotos erfolgte anhand des genannten Forschungsfokus’ und nach einer Analyse der Protokolle Teilnehmender Beobachtung. Als Herausforderung versprach die Fotografie Aufschlüsse zum Forschungsfokus, da sich hierauf vordergründig keine lehr-lern-bezogene Unterrichtssituation präsentiert.
Anm. 2 Monotypie (griech. Einmaldruck) bezeichnet ein Druckverfahren, bei dem nur jeweils ein Abzug möglich ist. Eine Zeichnung wird hierbei in auf einer Glasplatte ausgewalzte Druckfarbe eingeritzt bzw. aufgetragen. Ein Zahnstocher, mit dem beispielsweise gekratzt wird, verdrängt die schwarze Farbe an bestimmten Stellen auf der Glasplatte. Ein Blatt Papier wird aufgelegt und auf die noch feuchte Farbe mit einer sauberen Walze oder der Handinnenfläche gerieben. Zieht man das Blatt vorsichtig ab, so erhält man auf diese Weise eine weiße Zeichnung auf schwarzem Grund. Außer mit dem Zahnstocher können mit praktisch allen Materialien Spuren in der schwarzen Farbe hinterlassen werden.


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Bibliografische Angaben zu diesem Text:

Peez, Georg: Fotoanalyse nach Verfahrensregeln der Objektiven Hermeneutik. In: Marotzki, Winfried/ Niesyto, Horst (Hg.): Bildinterpretation. 2005 (im Erscheinen)


Georg Peez (http://www.georgpeez.de) Zuletzt geändert am 20.12.2004