"Ich verarbeite Erlebtes zu sehr dichten inneren Bildern"
Georg Peez
"Ich verarbeite Erlebtes (z.B. den Verlust eines Babys) oder Beobachtetes und Erkanntes (Menschen, Situationen) zu sehr dichten inneren Bildern, die mich mit solcher Intensität ergreifen und mir dann so wichtig sind, daß ich sie (1.) unbedingt festhalten möchte, sie tatsächlich immer sehen können möchte (in Form eines Bildes nach außen gebracht); (2.) sie auch anderen zeigen möchte als Mitteilung über mich selbst (in einem Maß, das verbal nicht möglich wäre), so daß (3.) einzelne möglicherweise davon berührt werden, d.h. etwas in Schwingung gesetzt wird, was sie in sich selbst wiedererkennen und verdeutlicht finden."
Diese Sätze schrieb Frau H. (32 Jahre alt, gelernte Krankenschwester, Hausfrau, verheiratet und Mutter von 2 Kindern). Frau H. malt und zeichnet in der wenigen ihr hierfür zur Verfügung stehenden Zeit. Zum einen ist mein Bezugspunkt diese Aussage von Frau H., zum anderen beziehe ich mich auf das Verständnis von 'ästhetischem Verhalten', das sowohl "nach außen gerichtete Aktivität" als auch im selben Ausmaß "innere Prozesse" beinhaltet (Otto 1991, S. 147). "Ästhetisches Verhalten überschreibt den komplexen sinnlichen Prozeß, innerhalb dessen ich in der Bezugnahme auf ein Gegenüber und im Kontext meiner Lebensgeschichte eine neue Erfahrung mit mir, mit anderen, mit der Sache mache." (Otto 1991, S. 147) "Indem das ästhetische Verhalten vom wissenschaftlichen abgehoben wird, kommt ihm die Qualität einer anderen, einer eigenen Erkenntnisform zu. Sie ist subjektzentriert und kann vieldeutig, mehrwertig sein." (Otto/Otto 1987, S. 245f.) Ästhetisches Verhalten ist ein "qualitativ anderes Verhalten mit eigener Rationalität" (Otto/Otto 1987, S. 246). Ein zwischen 'intersubjektiv-objektiver' Außenwelt und 'subjektiv-privater Innenwelt' vermittelndes Medium können die alltagssprachlich sogenannten 'inneren Bilder' sein. Das Phänomen 'innere Bilder' stellt durchgängig alle philosophischen und psychologischen Theoriekonzeptionen vor große Herausforderungen. 'Innere Bilder' spielen in aktuellen Diskursen zur Imagination und Einbildungskraft sowie zur "Allgegenwart von Bildern" eine wichtige Rolle. Für das 'innere Bild' gilt, was G. Otto für die ästhetische Rationalität formuliert, daß nämlich beide "in ihrem Verhältnis zur Sprache, zur Reflexion als ein Mischverhältnis" zu stehen scheinen, "das jede Formulierung und begriffliche Fassung im Status der Annäherung belassen muß" (Otto/Otto 1987, S. 246).
Kant wies der Einbildungskraft eine bedeutende Rolle zu, wenn es darum geht, Sinnlichkeit und Verstand systematisch aufeinander zu beziehen (Kant 1790/1993 7, S. 202). Seit der Romantik wurden Phantasie und Einbildungskraft, Anschauung und Bild dann verstärkt fokussiert. Dem Romantiker E.T.A. Hoffmann zufolge soll der Künstler danach streben, "das Bild, das ihm im Innern aufgegangen, recht zu erfassen mit all seinen Gestalten, Farben, Lichtern und Schatten; und wenn er sich recht entzündet davon fühlt, die Darstellung ins äußere Leben" zu tragen (nach Apel 1994, S. 577).
Obwohl es lohnend wäre, sollen hier nicht Linien der historischen Theorientwicklung zum Thema 'innere Bilder' nachgezeichnet werden, weshalb ich in Anlehnung an M. Seel und G. Otto im folgenden vor allem auf die analytische Ästhetik Bezug nehme (Seel 1993, S. 408ff.). (1) Die Philosophin C. Z. Elgin und der Philosoph N. Goodman folgen der 'kognitiven Psychologie', wenn sie den Ausdruck "mental image", zu deutsch mit "Vorstellungsbilder" übersetzt, für "Bilder des Gedächtnisses" gebrauchen und ihn sowohl gegen "pictures", also materielle Bilder, wie Fotos und Gemälde, als auch gegen optische Bilder, "images", die durch die Sinne entstehen, abgrenzen (Goodman/Elgin 1993, S. 114). Vorstellungsbilder sind das, was Frau H. mit ihren "inneren Bilder" meint. (2)
Sozialpsychologischer Exkurs
Wer der Konstitution von 'inneren Bildern' - H. G. Richter spricht von "inneren ikonischen Repräsentationen" (Richter 1987, S. 59) - auf die Spur kommen will, muß sich auf die frühesten Phasen der Prozesse von Erfahrungskonstitution rückbeziehen (Neumann 1989, S. 53). Hierbei ist allerdings eine nachträgliche Rekonstruktion der anfänglichen und frühesten Strukturen von Erfahrungskonstitution eines Menschen nicht zwingend. Dies wäre freilich ein schlichtweg aussichtsloses Unterfangen. 'Anfang' ist hingegen als Struktur einer Bewegung im Heute zu rekonstruieren. Innerhalb soziologischer Forschung hat U. Oevermann in seiner Rekonstruktion der Freudschen Psychoanalyse "als Theorie der sozialen Konstruktion von Subjektivität" (Oevermann nach Loer 1994, S. 372) aufgezeigt, daß die Kindheitserlebnisse aufgrund der Einbettung in die objektiven latenten Sinnstrukturen der sozialisatorischen Interaktion ein einschneidendes Erfahrungspotential darstellen (Loer 1994, S. 371f.). Aus sozialisationstheoretischer Perspektive besteht "das Unbewußte" aus den nicht vom Subjekt selbst erkannten Bedeutungen, die "hinter seinem Rücken" ihre Wirkungen tun (Liebau 1987, S. 128). 'Innere Bilder' sind durch meist lebensgeschichtlich frühe Sinneseindrücke der äußeren Realität geprägt. Die 'inneren Bilder' begleiten die einbettenden Interaktionen des Säuglings und Kleinkinds systematisch. Sinneseindrücke geben uns in Kombination mit bedeutungskonstituierenden sozialen Interaktionen die Basis für sinnnliche Erkenntnis, für Sinn generell. Dieser Fundus an sinnlichen Eindrücken wird später vornehmlich ab ca. dem 4. Lebensjahr, wenn auf der Grundlage der geschilderten objektiv einzigartigen unverwechselbaren Affektbeziehungen ein System von "Probeobjektbeziehungen" konstruiert wird (Liebau 1987, S. 128ff.), durch die Anwendung in Handlungsstrukturen des Individuums sowie in dessen konstitutiver Entwicklung von Autonomie- und Identitätsaspekten bedeutsam. Kennzeichen dieses frühen Erlebens ist seine Leibbezogenheit. Die Worte "Begreifen" und "Verstehen" künden noch von ihrem Ursprung. Sinn wird nicht durch sprachliche Vermittlung geknüpft, sondern durch Bilder und Erleben. 'Äußere und innere Realität' mischen sich in leiblichen Vorstellungbildern. "Alle spätere Erfahrung ist letztlich eine durch aktuelle Eindrücke angeregte Rekonstruktion dieser frühen Erfahrung und zugleich Interpretation der aktuellen Eindrücke im Lichte dieser Rekonstruktion." (Loer 1994, S. 372f.) Sinnlich dominierte Bedeutungen bieten meist im Gegensatz zu verbal-sprachlichen, diskursiven Bedeutungen eine hohe Auslegbarkeit ihres Sinns. Soweit der Exkurs.
"Daß wir Vorstellungsbilder haben und über sie ganz glaubwürdig berichten können, läßt sich nicht bestreiten." (Goodman/Elgin 1993, S. 115) Obwohl sie Gegenstand der Gehirnphysiologie sind, nicht (direkt) wahrnehmbar und reine Erfindung der Einbildungskraft, sind sie u.a. Gegenstand romantischer Ideen sowie wissenschaftlicher Untersuchungen. Somit haben wir beide Hörner des scheinbaren Dilemmas erwischt: Wir können sinnvoll über Vorstellungsbilder reden, wir können sie z.B. bildnerisch in eine Zeichnung oder szenisch in Bewegung umsetzen, gleichzeitig sind sie aber nicht existent (Goodman/Elgin 1993, S. 116). Ein Lösungsansatz lautet: Wir können über Inhalte fiktiver Vorstellungsbilder in unterschiedlicher Weise kommunizieren, weil wir innerhalb eines flexiblen Rahmens die vernunftorientierte - d.h. zumindest im Nachhinein begründbare - , kommunikative, sorgfältige Anwendung und Kombination bestimmter Prädikate gelernt und den spielerisch-kreativen Umgang mit deren Gehalt geübt haben.
Wir sollten uns also von der naiven Vorstellung trennen, die tendenziell auch in Frau H.s Statement anklingt. Ironisch: "Wenn sich dagegen ein Vorstellungsbild selbst befreite und vor mir auf den Schreibtisch fiele, bezweifle ich, ob ich es als solches erkennen könnte." (Goodman/Elgin 1993, S. 123) A. von Criegern berichtet von seinem Versuch "diese 'inneren Bilder' an die Oberfläche zu bringen" (Criegern 1984, S. 19). Er charakterisiert sie als "Vorstellungen von Linien, Kurven, Farben, Mustern, Oberflächenbeschaffenheit" (Criegern 1984, S. 19). Entscheidend sind für v. Criegern, die Beziehungen zwischen den "inneren Bildmustern", der "äußeren Artikulation" und bereits früher Gesehenem "ins Spiel zu bringen". Hierzu gehört "viel Übung" (Criegern 1984, S. 19).
Die Überlegung, daß es sich bei Vorstellungsbildern nicht um Bilder, sondern lediglich von Symbolen abgeleitete kulturell angeeignete, gelernte Anwendung bestimmter Prädikate handelt, bestimmt meine abschließenden Überlegungen. Die Bezeichnungen "inneres Bild" oder "Bild im Bewußtsein" sind irreführend, so wie ja alle metaphorischen Wendungen nicht buchstäblich verstanden werden sollten (Goodman/Elgin 1993, S. 124). Metaphern veranschaulichen, sie sind ein "heuristisches Anregungsmittel" (Scheuerl 1959, S. 213), sie haben keine Beweiskraft. Ohne den Bildbegriff zu bemühen, müßte korrekter von variablen, situativen und kontextabhängigen Beschreibungen bzw. Darstellungen über Vorstellungen die Rede sein.
Den Zeichencharakter von Objekten ästhetischer Praxis voraussetzend, unterscheiden sich Kunstwerke nach M. Seel von allen anderen Zeichen und Symbolen darin, "daß sie sich nicht (oder jedenfalls nicht primär) auf etwas in der Welt beziehen, sondern vielmehr Sichtweisen der Welt präsentieren. Im Unterschied zu repräsentierenden Darstellungen, kann man hier von imaginativen Darbietungen sprechen. Die Imagination der Kunst bezieht sich nicht auf das, was der Fall ist, sie artikuliert Kontexte der Relevanz dessen, was der Fall ist oder was der Fall sein könnte." (Seel 1993, S. 408) Da Objekte ästhetischer Praxis "sinnreflexive Gebilde" sind, ist deren Sinn demnach, "Horizonte möglichen Sinns zu exponieren" (Seel 1993, S. 409). Sichtweisen der Welt bzw. imaginative Darbietungen zu präsentieren, erfordert Kompetenzen der dialektischen Beziehung "zwischen Symbolbildung und Symbolverstehen" (Otto 1991, S. 160) innerhalb eines oder mehrerer Kategoriensysteme, mit deren Hilfe ein Gebiet sinnreflexiv organisiert wird (Goodman/Elgin 1993, S. 19). Nicht nur das Denken, sondern auch z.B. der Umgang mit Farbe, das Formen mit der Hand oder das Formulieren von Sätzen sind immer aktiv an der Wahrnehmung, an der Konstruktion sowie an der Artikulation von 'Vorstellungsdarstellungen' beteiligt. 'Vorstellungsdarstellungen' können Material für ästhetisch rationale Auslegungsprozesse sein.
"Die ästhetische Rationalität zielt nicht auf eindeutige begriffliche Fixierungen. Ästhetische Rationalität ist reflexiv. Reflexion kann als ein Nachdenken über sich und über ein Anderes verstanden werden, als 'Thematisierung', als Auslegen." (Otto/Otto 1987, S. 245)
Ein Erziehungsbegriff, der die komplexe Vielschichtigkeit der 'Erziehungs'-Wirklichkeiten - hier anhand der 'inneren Bilder' umrissen - berücksichtigt, läßt sich nicht zu einer Erziehungs- und Bildungstheorie zementieren, sondern er basiert auf der Idee von Unterricht als "einer prinzipiell experimentellen Situation" (Otto 1995, S. 17). Er bleibt interpretationsoffen, begründbar und offen für Auslegungen. Gerade hierfür stehen die ästhetischen Anteile der Rationalität.
Anmerkungen
1 Angesichts eines vorhandenen Begriffspluralismus läßt sich mit S. K. Langers und A. Lorenzers Symbolverständnis konturieren: "Symbole sind uns alle, in Laut, Schrift, Bild oder anderer Form zugänglichen Objektivationen menschlicher Praxis, die als Bedeutungsträger fungieren, also 'sinn'voll sind, d.h. alle Produkte menschlicher Praxis, soweit sie 'Bedeutungen' vermitteln." (Biehl 1991, S. 125)
2 Vorstellungsbilder sind nicht zwingend oder rein piktural, sondern sie können auch auditiven, also sprachlichen oder musikalischen Charakter haben. Selbst ein vorgestellter Schmerz kann ein Vorstellungsbild sein (Goodman/Elgin 1993, S. 115).
Literatur
Apel, F.: Der lebendige Blick. Goethes Kunstanschauung. In: Schulze, S. (Hg.): Goethe und die Kunst, Katalog Frankfurt/M., Weimar 1994
Biehl, P.: Symbol und Sakrament. In: Oelkers, J. / Wegenast, K. (Hg.): Das Symbol - Brücke des Verstehens, Stuttgart 1991
Criegern, A. v.: Das innere und das äußere Bild. In: Zeitschrift für Kunstpädagogik, Heft 1, 1984, S. 19
Goodman, N./Elgin, C. Z.: Revisionen, Frankfurt/M. 1993
Kant, I.: Kritik der Urteilskraft, 1790, Hamburg 1993 7
Loer, T.: Werkgestalt und Erfahrungskonstitution. In: Garz, D. (Hg.): Die Welt als Text, Frankfurt/M. 1994
Liebau, E.: Gesellschaftliches Subjekt und Erziehung, Weinheim 1987
Neumann, K.: Bildung durch Bilder? In: Neue Sammlung, Heft 1, 1989, S. 49 - 58
Otto, G. / Otto, M.: Auslegen, Seelze 1987
Otto, G.: Ästhetische Rationalität. In: Zacharias, W. (Hg.): Schöne Aussichten? Essen 1991
Otto, G.: Theorie für pädagogische Praxis. In: Kunst + Unterricht, Heft 193, Juni 1995, S. 16 - 19
Richter, H. G.: Die Kinderzeichnung, Düsseldorf 1987
Scheuerl, H.: Über Analogien und Bilder im pädagogischen Denken. In: Zeitschrift für Pädagogik, Heft 3, 1959, S. 211 - 223
Seel, M.: Zur ästhetischen Praxis der Kunst. In: Welsch, W. (Hg.): Die Aktualität des Ästhetischen, München 1993
Bibliografische Angaben
zu diesem Text:
Peez, Georg: "Ich verarbeite Erlebtes zu sehr dichten inneren Bildern". In: Grünewald, Dietrich / Legler, Wolfgang / Pazzini, Karl-Josef (Hg.): Ästhetische Erfahrung. Perspektiven ästhetischer Rationalität. Eine Festschrift für Gunter Otto zum 70. Geburtstag, Seelze / Velber (Erhard Friedrich Verlag) 1997, S. 49 - 52
Georg
Peez (http://www.georgpeez.de)
Zuletzt geändert am 15.04.2003