Kinderzeichnung im biographischen Rückblick

Erinnerung und Rekonstruktion der frühesten Kritzelerfahrung einer 70jährigen. Eine exemplarische sequentielle Textanalyse

Georg Peez

 

Unter drei offenen Fragenfoki wird im folgenden die Erinnerung einer 70jährigen Frau an ihre früheste Zeichenerfahrung aus ihrer Kindheit sequenzanalytisch interpretiert:
- Welche spezifischen Anteile von Erinnerungen an Zeichenerfahrungen aus der frühen Kindheit halten sich über Jahrzehnte im Bewußtsein?
- Wie beziehen sich diese Anteile aufeinander?
- Wie lassen sich die ästhetischen Bildungsprozesse (Mollenhauer 1989) in dieser frühen Lebensphase näher charakterisieren?
Somit wird nicht - wie bei fast allen Untersuchungen zur Kinderzeichnung - auf das manifeste Ergebnis "Kinderzeichnung" zurückgegriffen, sondern auf biographisches Erinnerungsmaterial. So unterschiedliche Aspekte wie der Ort des Zeichnens, die direkte soziale Interaktion mit anderen Menschen während des Zeichenvorgangs, emotionale atmosphärische Aspekte, retrospektiv-autobiographisch betrachtete nachträgliche Bedeutungszuweisungen spielen eine Rolle.
Die frühe Zeichenerfahrung teilt sich in sprachlichen Ausdrucksformen einer 70jährigen Frau und deren biographischen Reflexionsleistungen mit. Eine nachträgliche Rekonstruktion der anfänglichen und frühesten Strukturen von Erfahrungskonstitution eines Menschen ist weder zwingend noch überhaupt möglich. Frühe biographische Erlebnisse sind hingegen als Struktur einer Bewegung im Heute zu rekonstruieren; dies ist im folgenden beabsichtigt. Innerhalb soziologischer Forschung hat U. Oevermann aufgezeigt, daß die Kindheitserlebnisse aufgrund der Einbettung in die objektiven latenten Sinnstrukturen der sozialisatorischen Interaktion ein einschneidendes Erfahrungspotential darstellen (Loer 1994, S. 371f.).
Durch die sequenzanalytische Interpretation ist gewährleistet, dem Material Text "an sich" eine große Bedeutung zukommen zu lassen, wobei gleichzeitig gegenstandsbezogenes Vorwissen möglichst weitgehend ausgeschaltet werden kann. Zu den Merkmalen und Gütekriterien dieser Methode kann hier nur auf die Literatur verwiesen werden (Oevermann u.a. 1979; Flick 1987, S. 250; Garz u.a. 1994; Mayring 3 1995, S. 98ff.)

 

Sequentielle Textanalyse

In einem Briefwechsel befragte ich die 70jährige Frau F. 1996 nach ihrer Motivation zum Malen und Zeichnen in Beziehung zu eigenen biographischen Elementen. Meine Frage im Brief lautete: "Gibt es für Ihren Wunsch, Malen und Zeichnen zu lernen, ein Schlüsselerlebnis in Ihrer Kindheit oder Jugend? Können Sie sich noch an bestimmte Erlebnisse aus dieser Zeit erinnern, vielleicht an Kunstunterricht in der Schule?" Frau F. schrieb ihre Antwort auf einer Schreibmaschine.
Meine früheste Erinnerung daran, daß ich etwas malte, ist diese:
Ich mag etwa 2-3 Jahre alt gewesen sein, saß auf den Knien meines Vaters und kritzelte mit Bleistift Striche, Zacken und Spiralen auf ein Blatt Papier. Manchmal zeichnete mein Vater dann auch etwas, meistens Tiere. Sie gefielen mir aber nicht besonders gut, denn er zeichnete die Dinge nicht so klar umrissen, wie ich es von meinen Bilderbüchern her kannte, sondern etwas gestrichelt. Sie waren deshalb für mich nicht so leicht zu erkennen.

"Meine früheste Erinnerung daran, daß ich etwas malte, ist diese:"
Frau F. kennzeichnet durch ihr erstes Wort "Meine" den persönlichen Charakter ihres Textes. Ein weniger persönlicher Beginn hätte lauten können: "Die früheste Erinnerung ...". Wenn eine 70-Jährige ihre "früheste Erinnerung" an etwas aufschreibt, so ist davon auszugehen, daß zwischen dieser Erinnerung und dem Heute ein großer Teil ihres Lebens liegt. Die etwas umständliche Formulierung "... , daß ich etwas malte, ist diese:" mag (a) in der Wortstellung den wohl nicht gradlinigen Prozeß des Erinnerns andeuten. (b) Für Frau F. ist die schriftliche Beantwortung meiner Frage eine ungewöhnliche Situation.
Frau F. will nicht nur das Malen an sich thematisieren, im Sinne von " daß ich malte", sondern, das "etwas" scheint eine Rolle zu spielen. Durch diesen ersten Satz baut Frau F. "Spannung" in der Weise auf, daß das nach dem ":" folgende hervorgehoben wird. Frau F. positioniert ihre Erinnerung durch diesen Satz als bedeutungsvoll, sie kündigt sie an. Hätte sie diesen ersten Satz weggelassen, wäre Lesenden nicht klar gewesen, daß es sich hier um ihre "früheste Erinnerung" handelt. Durch das Wort "malte" ist - korrekt gesehen - die Schilderung einer Mal-, nicht einer Zeichenaktivität zu erwarten.

"Ich mag etwa 2-3 Jahre alt gewesen sein, "
Auch der zweite Satz beginnt mit dem deutlichen persönlichen Bezug "Ich". Mit diesem Satz wird zwar ebenfalls noch keine Erinnerung beschrieben, aber das folgende wird biographisch situiert. Genau ist die Zeitangabe insofern, als für diese frühe Lebensphase ein eingegrenzter Zeitraum angegeben wird. Ungenau ist die Angabe unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten. Das Wort "mag" deutet einen leicht erzählenden, prosaischen Charakter an. Die Altersangabe "2-3 Jahre" ist recht früh und sehr selten für eine Erinnerung. Frau F. datiert ihre Erinnerung indirekt in die Jahre 1928 - 1929. Solche Altersangaben sind aber mit Vorsicht zu übernehmen, wie Schulz belegt (Schulz 1991, S. 24). Häufig kommt es vor, daß sich eine Person in einer biographischen Erzählung leicht um mehrere Jahre irrt. Eine solche Altersangabe muß deshalb an weiteren Indizien überprüft werden. Sie kann zunächst nur im Sinne von "sehr, sehr früh in meinem Leben" interpretiert werden.

"saß auf den Knien meines Vaters und kritzelte mit Bleistift Striche, Zacken und Spiralen auf ein Blatt Papier."
Frau F. schildert sachlich die Situation, an die sie sich erinnert. Der Satz benennt noch vor der eigentlichen bildnerischen Aktivität eine zweite Person, ihren Vater. Die Bedeutung dieser Person wird hierdurch stark hervorgehoben. "saß auf den Knien meines Vaters" erläutert den engen Körperkontakt von Kind und Vater. Wenn ein Kind auf dem Schoß sitzt, so ist das eine in diesem Alter häufige Form des Kontakts zwischen Kind und Eltern. Frau F. wählt jedoch die recht ungewöhnliche Formulierung "saß auf den Knien meines Vaters", was genau genommen bedeutet, daß sich die Tochter wohl nicht mit ihrem Rücken an den Vater anlehnte. Diese Formulierung scheint zunächst größere Distanz und weniger Körperkontakt zwischen Vater und Tochter auszudrücken. Nun ist deutlich, daß es sich nicht um eine Mal-, sondern um eine Zeichenaktivität mit einem Bleistift handelte. Das Verb "kritzelte" läßt darauf schließen, daß Frau F. sich bereits mit dem Phänomen Kinderzeichnung auseinandersetzte, denn "Kritzeln" ist der Fachausdruck für die Zeichenaktivität ab der Wende zum zweiten Lebensjahr (Richter 1987, S. 25ff.). Frau F.'s Charakterisierung ihrer Zeichenaktivität mit "Striche, Zacken und Spiralen" läßt zwar auf Kenntnisse über diese Kritzelphase schließen, sie nutzt aber nicht die Fachausdrücke wie "Hiebkritzel", "motorische Zick-Zack-Linie" oder "Kreiskritzel" bzw. "Urknäuel" (Richter 1987, S. 26ff.). Die Abfolge der von ihr genannten Kritzelaktivitäten ist entwicklungspsychologisch korrekt. Auf die "Striche" des Hiebkritzelns (1 Jahr; 4 Monate) folgen die "Zacken" des Schwingkritzelns (1; 10) und die "Spiralen" des Kreiskritzelns (2; 5) (Richter 1987, S. 26f.; Schütz 1992). H.-G. Richter betont, daß im Alter von 2; 5 Jahren diese "Kritzelgebilde gleichzeitig und nebeneinander auftauchen können. In dieser Zeit bilden sich damit die ersten bildhaften Organisationen, die von einem Nebeneinander solcher Kritzelereignisse geprägt sind, die in den vorhergehenden Altersphasen nacheinander entwickelt wurden." (Richter 1987, S. 27) Die zeitliche Angabe "2-3 Jahre" von Frau F. deckt sich also korrekt mit dem in der Fachliteratur genannten Zeitraum, in dem die angegebenen drei Kritzelformen auftreten. Drei Deutungen sind bei der Exaktheit von Frau F.'s Erzählung möglich: (a) Entweder hat Frau F. ein zeitlich gutes Erinnerungsvermögen oder (b) sie besitzt Vorwissen aus der Literatur zur Entwicklung der Kinderzeichnung. (c) "Striche, Zacken und Spiralen" könnten für Frau F. durch die Zeichenaktivitäten von möglichen Enkelkindern aktuell präsent sein. Nur auf den Knien sitzend läßt sich nicht mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier kritzeln. Trotz der Klarheit von Frau F.'s Schilderung müßte zumindest eine Zeichenunterlage vorhanden gewesen sein. Nun bekommt die Formulierung "saß auf den Knien meines Vaters " eher einen Sinn, da beide evtl. an einem Tisch saßen. In diesem Falle sitzt das Kind wohl wirklich weiter vorne auf den Knien und nicht auf "auf dem Schoß". Ob die Zeichenunterlage ein Buch, ein Tisch oder ein Zeichenblock war, läßt sich aber nicht klären. Die Tatsache, daß Frau F. eine Erinnerung an ihren Vater beschreibt, kann lediglich als Besonderheit vermerkt werden. Viele Menschen dieser Generation "verloren" ihren Vater im Zweiten Weltkrieg oder die Väter waren durch Krieg und Kriegsgefangenschaft zumindest lange Zeit von der Familie abwesend. Frühe Erinnerungen an die Väter sind deshalb für viele Menschen dieser Generation besonders "wertvoll".

"Manchmal zeichnete mein Vater dann auch etwas, meistens Tiere."
Tochter und Vater bedienten sich des Interaktionsmediums Zeichnen, der Vater lediglich "manchmal". Inwiefern bei dieser Kommunikation Sprache eine Rolle spielte, erwähnt Frau F. nicht. Klar ist eine Differenz hinsichtlich der Zeichensujets zu erkennen. Während das Kind "Striche, Zacken und Spiralen" kritzelte, zeichnete der Vater Gegenständliches, "meistens Tiere". Kinder und sicher auch Erwachsene haben zu Tieren eine affektive Beziehung. Was der Vater außer Tieren noch zeichnete, wird nicht beschrieben. Die Differenz Gegenständlich - Ungegenständlich ist jedoch die erste markante Abweichung des Kleinkindes gegenüber dem Erwachsenen im Text. Die Worte "manchmal", "dann" und "auch" erwecken den Eindruck, als werde hier nicht - wie bisher vermutet - eine einmalige Szene beschrieben, sondern als handele es sich um eine öfter vorgekommene "ritualisierte" Gewohnheit.

"Sie gefielen mir aber nicht besonders gut,"
Angesichts der bisher geschilderten "einträchtigen" Szene überrascht diese klare Äußerung des Mißfallens nicht so sehr, wenn man den oben dargestellten Unterschied als Vorzeichen hierfür sieht. Die Differenz wird zur Dissonanz. Ob diese Dissonanz zwischen Tochter und Vater offen ausgetragen wurde und in welcher Intensität, läßt sich anhand dieses Satzes nicht bestimmen. Mit der Formulierung "gefielen mir ... nicht besonders gut" nimmt die heute 70jährige Tochter etwas von der Schärfe der Dissonanz. Das Wort "aber" macht jedoch deutlich, daß das Gefühl der Dissonanz, des Widerspruchs gegen die Zeichnungen des Vaters noch recht stark präsent ist. Diese Dissonanz zwischen Kind und Vater trat damals nicht nur deutlich hervor, sondern bleibt über Jahrzehnte in Erinnerung. Gestaltende ästhetische Handlungen des Vaters, einem der wichtigsten Repräsentanten von Wirklichkeit für das Kind, werden hier vom Kind negativ bewertet. Nach J. Piaget befindet sich die Tochter entwicklungspsychologisch gesehen in einer wichtigen Übergangsphase vom sensomotorischen Stadium zum prae-operationalen Stadium, das sich durch die Entstehung der Fähigkeit zur Symbolbildung, zunächst dem sinnunterlegten Kritzeln, auszeichnet. Das Ende der sensomotorischen Phase war bei Frau F. wohl von ästhetischen Differenzen, Dissonanzen und der emotionalen Verbundenheit mit dieser Phase gekennzeichnet.

"denn er zeichnete die Dinge nicht so klar umrissen,"
Frau F. erläutert den für sie heute rückschauend bewußten Grund der "ästhetischen Dissonanz" zwischen ihr und ihrem Vater durch ein wissenschaftlich nachgewiesenes typisches Differenzmerkmal zwischen Kinder- und Erwachsenenzeichnung. "Erwachsene zeichnen lockerer, d.h. mit weniger Druck, schnelleren, suchenden und oft parallel geführten Strichen oder Strichbündeln, mit denen sie die Figur umfahren." "Sie können sich mit Andeutungen begnügen. Dadurch laufen sie allerdings auch Gefahr, in der Zeichnung zu flüchtig und inkonsequent zu werden." "Erkennbar wird, daß Erwachsene mit Andeutungen auskommen und sich darauf verlassen können, daß sie eine präzise Begriffsbezeichnung nicht mehr benötigen, um verstanden zu werden." (John-Winde/Roth-Bojadzhiev 1993, S. 268) Die Nennung dieses Differenzmerkmals macht Frau F.'s Erzählung authentisch und für Lesende sehr gut nachvollziehbar. "Die Welt der (Kinder-; G.P.) Zeichnung ist aus einer Reihe von Modulen zusammengesetzt, und es gilt nicht, die tatsächliche Form zu finden, sondern das Typische unterscheidende Merkmal." (Schuster 1994, S. 24) Wo das Kind die klare Linie bevorzugt - weshalb die vielgeschmähten Filzstifte bei Kindern auch so beliebt sind - und eine bestimmte markante Form, ein Symbol für etwas zu zeichnen trachtet (Richter 1987, S. 333ff.; Fineberg 1995, S. 92ff.), da ist die Erwachsenenzeichnung bzw. die Zeichnung von Jugendlichen (Otto/Otto 1987, S. 142ff.; Richter 1987, S. 67ff.) in aller Regel auf die vage und unsichere Wiedergabe der äußeren Erscheinung gerichtet.

"wie ich es von meinen Bilderbüchern her kannte,"
Diese Hinzufügung läßt u.a. vier Deutungsmöglichkeiten offen. (a) Frau F. orientierte sich bereits früh an den Illustrationen aus Kinder- und Bilderbüchern, was ein gemäß der Fachliteratur äußerst ungewöhnliches Verhalten wäre. (b) Frau F. versucht heute im nachhinein eine Erklärung für ihre Bevorzugung der klaren durchgängig kräftigen Linie zu finden. Die einzigen Abbildungen mit klaren Umrißlinien, an die sie sich aus ihrer Kindheit erinnern kann, sind die Abbildungen in Bilderbüchern. (c) Frau F. vermischt in dieser Aussage unterschiedliche Phasen ihrer Kindheit. Vielleicht hatte sich Frau F. in späteren Entwicklungsphasen stark an "Vorlagen" orientiert und überträgt diese Erfahrung auf ihre sehr frühe Entwicklungsphase. (d) Frau F. hat irgendwo gelesen, gehört oder beobachtet, daß sich (eventuell ältere) Kinder in ihrem Zeichenverhalten stark an Abbildungen aus Bilderbüchern orientieren.

"sondern etwas gestrichelt."
Diese Sequenz schließt nochmals inhaltlich an die Sequenz "denn er zeichnete die Dinge nicht so klar umrissen," an und stützt die obige Interpretation.

"Sie waren deshalb für mich nicht so leicht zu erkennen."
Die geschilderte Dissonanz zwischen den unterschiedlichen ästhetischen Elementen der Erwachsenenzeichnung und der Kinderzeichnung, vor allem hinsichtlich der Linien und Flächenbehandlung, wird von Frau F. in ihrem letzten Satz auf eine neue Ebene gestellt. Nun geht es ihr nicht um eine unterschiedliche emotionale Tönung, die sich noch in der Sequenz "Sie gefielen mir aber nicht besonders gut" ausdrückte, sondern (a) Frau F. ergänzt und "rechtfertigt" gewissermaßen ihre emotionale Aussage mit einer physiologisch-biologischen Begründung. (b) Interpretierend ließe sich zudem an den Unterschied zwischen der Orientierung an der äußeren Wirklichkeit (Erwachsenenzeichnung) und dem Erfinden eines Symbols und einer Schemaform (Kinderzeichnung) anzuknüpfen: wenn ein Kind etwas Gezeichnetes sieht und "erkennen" will, so sucht es nach der Schemaform, den typisch unterscheidenden Merkmalen. (c) Die Formulierung "für mich nicht so leicht zu erkennen" indiziert nicht nur emotionale Dissonanzen zwischen Tochter und Vater, sondern grundsätzlich unterschiedliche Wahrnehmungsweisen.

 

Resümee

* In Frau F.'s kurzem Text sind Dimensionen des Prozesses des Heranwachsens in unserer Kultur sowie früheste ästhetische Selbstbildungsprozesse komprimiert qualitativ empirisch nachweisbar. Selbstverständlich haben Ergebnisse einer monographischen Fallstudie lediglich begrenzte Reichweite, sie lassen sich nicht verallgemeinern. Sie können jedoch bei sorgfältiger Darlegung nicht nur, nach H. G. Schütz (Schütz 1992, S. 46), hypothetischen, sondern exemplarischen Charakter annehmen, der freilich noch weiter zu verifizieren wäre.
* Die Erinnerung an die Kritzelerfahrung aus der sehr frühen Kindheit ist bei Frau F. stark von Emotionalität - sowohl Harmonie wie auch Dissonanz - geprägt. Die kommunikative Interaktion mit einem ihr sehr nahestehenden Menschen, ihrem Vater, mit Hilfe der gemeinsamen Zeichentätigkeit bestimmt die erinnerte Szene. Diese Kommunikation ist durch entwicklungsbedingte grundlegende ästhetische Differenzen zwischen Kind und Erwachsenem gekennzeichnet bzw. z.T. "gestört". Zudem spielt der selbstvergewissernde Charakter der Zeichentätigkeit des Kindes in Auseinandersetzung mit der Darstellungsweise des Erwachsenen eine wichtige Rolle.
* Pointiert ausgedrückt "prallen" in diesem kurzen Erinnerungstext von Frau F. kindliche und erwachsenenspezifische ästhetische Weltaneignungen aufeinander. Anhand der Interpretationen konnten schmerzhafte Aspekte von Differenzerfahrungen im Prozeß des Heranwachsens verdeutlicht werden. Diese Aspekte lassen sich tief in der "ästhetischen Biographie" zu den Wurzeln von ästhetischer (Selbst-) Bildung zurückverfolgen. Ein Mensch kann sein ganzes Leben lang sehr eindrücklich von solch frühen Selbstbildungsaspekten geprägt sein, erinnert sich zumindest an diese. Zeichnenwollen und Zeichnenkönnen kann tief mit den Differenzen und Dissonanzen in der individuellen Bildungsgeschichte, mit der Verarbeitung unterschiedlicher Entwicklungsphasen verwoben sein. (2)
* In sozialen Interaktionen (nicht-intentionaler) ästhetischer Erziehung werden wir unter Anteilnahme des Körpers unter Emotionen mit "Grundfragen ästhetischer Bildung" (Mollenhauer 1996) konfrontiert. Diese Grundfragen sind u.a. die Bedeutung des motorischen Kritzelns, die Bewertung der gegenständlichen Wiedergabe und die Spannung zwischen beiden Aspekten, die Rolle von Imagination und Phantasie, die Bedeutung von Vorbild und Nachbild in der bildnerischen Gestaltung, die Entwicklung von Symbolisierung und Schemabildung sowie eine erlebbare Dynamik zwischen "innerer" und "äußerer" Realität. Zu diesen Grundfragen ästhetischer Bildung werden früh Antwortmöglichkeiten sowie Variationen erfahren. Es entwickelt sich nicht weniger als ein Sinn für Wirklichkeit, für bestimmte ästhetisch geprägte Sichtweisen von Wirklichkeit, für Möglichkeiten der kreativen Konstruktion von Wirklichkeit. Sinn wird nicht primär durch sprachliche Vermittlung geknüpft, sondern durch Bilder und Erleben. "Alle spätere Erfahrung ist letztlich eine durch aktuelle Eindrücke angeregte Rekonstruktion dieser frühen Erfahrung und zugleich Interpretation der aktuellen Eindrücke im Lichte dieser Rekonstruktion." (Loer 1994, S. 372f.)

 

Handlungsoptionen

* Die kulturellen Differenzerfahrungen stehen bereits ganz am Anfang der "ästhetischen Biographie". Sie lassen sich nicht ignorieren oder leugnen. Menschen entwerfen auf der "Folie" solcher zuvor beschriebenen prägenden Erfahrungen und Eindrücke ihren ästhetischen Umgang mit Wirklichkeit im allgemeinen und mit kunsttherapeutischen bzw. -pädagogischen im besonderen.
* Für Kunsterziehung ist die Frage berechtigt, ob nicht das Kritzeln in seiner anthropologischen und künstlerischen Bedeutung höher einzuschätzen sei und ob ihm nicht "mehr Beachtung in Unterricht, Erziehung und Gesellschaft eingeräumt werden sollte" (Schütz 1992, S. 49) als dem naturalistisch-realistischen Moment. Dies ließe sich vor allem auch nach den Ergebnissen K. Mollenhauers zum Phänomen des Kritzelns bejahen. Je stärker wir in unsere Kultur hineinwachsen, umso stärker wird "die Erinnerung an die vorbegrifflichen leibgebundenen Anteile des Selbst (...; G.P.) verdrängt" (Mollenhauer 1996, S. 231). Gerade auf die Bedeutung sensomotorischer Erfahrung für die ästh. Gestaltung wird im Bereich der Kunsttherapie und -pädagogik differenziert verwiesen. "Regressive Verfahren" ermöglichen es, spezifische Erfahrungen im triebdynamischen, emotionalen und sinnlichen Bereich zu machen, die eine Basisfunktion für den Aufbau höher strukturierter Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse im Sinne der Erkenntnistheorie J. Piagets sind.
* Das von Frau F. geschilderte Dilemma ist das grundsätzliche und zugleich konstruktive Dilemma von Enkulturation und Erziehung. Es ist die für Heranwachsende grundlegend prägende Erfahrung von Differenz: Kinder erleben die Erwachsenenwelt "anders" als Erwachsene. Für Frau F. war das, was ihr Vater zeichnete, "nicht so leicht zu erkennen". Zugleich sind viele den Kindern emotional nahestehende Personen Erwachsene, die ihnen Aufmerksamkeit, Schutz und Sicherheit geben. Kinder müssen sich mit diesen Erwachsenenkategorien auseinandersetzen, auch wenn sie sie nicht erwachsenengemäß verstehen können.
* Verallgemeinernd: zielgerichtete Einflußnahmen von Menschen auf Mitmenschen scheinen somit zwar eine Selbsttäuschung zu sein, sie haben jedoch durchaus ihre kontextbezogene Berechtigung. Sie bieten fruchtbare und vielfältige Momente der Differenz und des "Nichtpassens".

 

Anmerkungen

(1) Soziodemographische Angaben zu Frau F.: Alter: 70 Jahre, Schulbildung: Gymnasium/Abitur; Beruf: 1. und 2. Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen; seit über 5 Jahren nicht erwerbstätig; verwitwet; 2 Kinder; Wohnungsgröße 95 qm; Wohnort: Großstadt.
(2) Es ist angesichts dieser Ergebnisse eher nebensächlich, ob Frau F. sich zur Darstellung und Klärung ihrer Erinnerungen der Fachlitertur zu den Entwicklungsschemata der Kinderzeichnung bediente. Ihre geschilderten Erinnerungen können in ihren wichtigen Anteilen als authentisch gelten.

 

Literatur

Fineberg, J.: Mit dem Auge des Kindes. Stuttgart 1995
Flick, U.: Methodenangemessene Gütekriterien in der qualitativ-interpretativen Forschung. In: Bergold, J.B./Flick, U. (Hg.): Ein-Sichten. Tübingen 1987
Garz, D. u.a. (Hg.): Die Welt als Text. Frankfurt a.M. 1994
John-Winde, H. / Roth-Bojadzhiev: Kinder, Jugendliche, Erwachsene zeichnen. Baltmannsweiler 1993
Loer, T.: Werkgestalt und Erfahrungskonstitution. In: Garz, D. u.a. (Hg.): Die Welt als Text, Frankfurt/M. 1994
Mayring, P.: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Weinheim 3 1995
Mollenhauer, K.: Ästhetische Bildung. In: Lenzen, D. (Hg.): Pädagogische Grundbegriffe. Bd. 1. Reinbek 1989
Mollenhauer, K.: Grundfragen ästhetischer Bildung. Weinheim 1996
Oevermann, U. u.a.: Die Methodologie einer "objektiven Hermeneutik" und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, H.-G. (Hg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart 1979
Otto, G./ Otto, M.: Auslegen. Seelze 1987
Richter, H.-G.: Die Kinderzeichnung. Düsseldorf 1987
Schütz, H. G.: Kritzeln. In: Kunst + Unterricht, Heft 163, 1992, S. 46 - 49
Schulz, F.: Das bildnerische Talent. In: Kunst + Unterricht, Heft 158 , 1991, S. 19-24
Schuster, M.: Kinderzeichnungen. Berlin 1994
Wichelhaus, B.: Kompensatorischer Kunstunterricht. In: Kunst + Unterricht, Heft 191, 1995, S. 35 - 39


Bibliografische Angaben zu diesem Text:

Peez, Georg: Kinderzeichnung im biographischen Rückblick. Erinnerung und Rekonstruktion der frühesten Kritzelerfahrung einer 70jährigen. In: Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History "BIOS", Nr. 1, 1999, S. 108 - 115


Georg Peez (http://www.georgpeez.de) Zuletzt geändert am 09.04.2004