Musische Bildung
Georg Peez
Ihr zentrales Merkmal ist das Prinzip einer ganzheitlichen Menschenbildung, bei der eine kulturkritische Einstellung und die Berufung auf die schöpferischen Vermögen des Menschen im Vordergrund stehen. Der Begriff wurde innerhalb der Reformpädagogik der 1920er-Jahre geprägt; seine Wurzeln liegen u. a. in der Jugendbewegung. Zum sog. Musischen zählen aus pädagogischer Sicht Musik-, Kunst-, Leibes- und Spracherziehung. Die als naturhaft verstandenen Seelenkräfte des Kindes und die ihr als verwandt angesehene Volkskunst Erwachsener bilden wichtige Orientierungen. In der Nachkriegszeit prägte die m. B. bis Mitte 1960 das Bildungswesen, denn sie stand nach dem Missbrauch von Kultur und Kunst im Faschismus für die Hoffnung auf Wiederherstellung eines weitgehend unpolitischen, innerlich ausgeglichenen und sittlichen Menschen. Ferner betonte die m. B. die entlastenden Funktionen des Schöpferischen. Sie bot hierdurch jedoch kaum Bezüge zur sich wandelnden gesellschaftlichen, sozialen, technischen und medialen Lebens- und Arbeitswelt sowie zur kulturellen Entwicklung der Moderne. Seit Ende der 1960er-Jahre gilt sie deshalb auch im Bereich der sozialen Arbeit, in dem sie sich angesichts allgemeiner Theoriedefizite bis dahin halten konnte, als überholt. Hier setzten die Konzepte der Ästhetischen Erziehung an. Aufgrund politischer Vorgaben wird aber der Begriff des Musischen vor allem in der Jugendkulturarbeit seit Mitte der 1980er-Jahre wiederverwendet in Wortkombinationen, wie "musisch-ästhetische Erziehung" oder "musische Bildung und Medienerziehung".Lit.
Haase, O.: Musisches Leben. Hannover 1951; Hammel, W.: Das Musische in der technischen Welt. Grundlagen musischer Bildung heute, in: Erwachsenenbildung 3/1965, S. 129-148; Seidenfaden, F.: Die musische Erziehung in der Gegenwart und ihre geschichtlichen Quellen und Voraussetzungen. Münster 1958
Bibliografische Angaben zu diesem Text:
Peez, Georg: Musische Bildung. In: Fachlexikon der sozialen Arbeit. Frankfurt a. M. (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge) 6. Auflage 2007, S. 662-663
Georg Peez (http://www.georgpeez.de)
Zuletzt geändert am 23.07.2007