Analyse und Interpretation

Zum Beispiel: Peter Rösel. "Landschaften"

Georg Peez

 

Peter Rösel malt Landschaftsbilder auf das bedruckte Blech von Getränkedosen. Zu diesem Zweck schneidet er die runden Böden und Deckel der leeren meist gefundenen Dosen ab, trennt die Dosenwand der Länge nach auf und nagelt die entstandene Blechfläche auf ein ca. 1,5 cm dickes Holzbrettchen. Seine Bildträger sind mit diesen wenigen Handgriffen geschaffen. Naturalistisch und detailgetreu malt er mit Ölfarbe kleine idyllische Landschaften auf das bunt bedruckte Dosenblech. Jede nur quadratzentimetergroße Landschaft ist im sehr langen Panoramaformat dargestellt und überzieht die Mitte des Dosenblechs. Hieraus ergeben sich teils kalkulierte, teils wohl auch zufällige Anlässe für Vergleiche zwischen Malerei und Aufdruck - etwa in farblicher, formaler oder inhaltlicher Hinsicht.

 

Prinzip der Wiederholung

Peter Rösel wurde 1966 geboren, wuchs die ersten zehn Jahre seines Lebens in Casablanca und Bagdad auf, studierte an der Frankfurter Hochschule für Bildende Künste, "Städelschule", und lebt heute in Frankfurt/Main. Er kann als ein Vertreter derjenigen Künstlerinnen und Künstler gelten, deren Ziel es nicht ist, als Zeitgenosse eine gesellschaftliche Außenseiterrolle zu spielen, sondern einen Diskurs innerhalb unserer Gesellschaft anzuregen. Dies bedarf einer Erläuterung: Der Philosoph und gegenwärtige Direktor des Kunstvereins in Hamburg Stephan Schmidt-Wulffen charakterisiert als Intention dieser Künstlerinnen und Künstler, daß sie das konventionell Überformte ihrer Vorstellungen ausdrücklich zu erkennen geben (Schmidt-Wulffen 1993, S. 348). Schmidt-Wulffen weist darauf hin, daß der Aspekt der Wiederholung, das Prinzip und Qualitätskriterium der künstlerischen Originalität verdrängt. Entsprechend betreibt Peter Rösel mit seinen Landschaftsbildern keine tiefschürfende Suche nach ursprünglichen und guten Ideen, sondern agiert mit Wiederholung, Schlichtheit und Ironie hart am Rande des Banalen.

Bekanntes und populäres Beispiel für erbarmunglose Wiederholungen sind Andy Warhols Siebdrucke aus den sechziger Jahren; sei es die Starikone Marilyn Monroe oder das Zeitungsfoto eines Autounfalls. Thomas Bayrle, bei dem Rösel zeitweise an der Frankfurter Städelschule studierte, treibt das Wiederholungsprinzip mit hintergründigem Humor immer wieder neu auf die Spitze. Peter Rösels Wiederholungen kommen einerseits unauffälliger, andererseits ebenso erbarmungslos daher:

(1.) In Rösels Arbeiten wird dem Betrachter durch die meist zwei- bis dreifache Wiederholung der Markenzeichen deren Dominanz auf dem Dosenblech bewußt; Markenzeichen, die zwecks Kaufanreiz Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Gegen diese Dominanz können sich die gemalten Landschaften kaum erwehren. (2.) Rösels Wiederholungsprinzip zeigt sich erst vollständig in der Hängung, in der Reihung seiner Arbeiten, wie sie beispielsweise in der Ausstellung "Szenenwechsel V" im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/Main, zu sehen ist: das immer gleiche Format der Bildträger, die fast immer gleiche Plazierung der meist symmetrisch komponierten Landschaftsausschnitte, die ähnlichen Farbtöne in Dunkelgrün, Gelbgrün und Hellblau.

Durch diese Reihung in der Hängung wird man sich mittelbar der Ökologie-Problematik bewußt. Die Getränkedose gilt als das Paradebeispiel der Verschwendung von Rohstoffen für Verpackung und - entleert, weggeworfen und auffällig am Wegesrand liegend - als Umweltverschmutzung par excellence. Der Diskussion um "Kunst und Ökologie", die - auch in Bezug auf Getränkedosen (vgl. Zülch 1988, S. 17; Krey 1994, S. 19) - in dieser Zeitschrift immer wieder aufflackert, gießt Peter Rösel allerdings kein Öl ins Feuer. Rösels künstlerische Stellungnahmen sind eher ironisch-fatalistisch. Verpackungen werden hier nicht angeprangert oder ans Kreuz geschlagen (vgl. Krey 1994, S. 18). Ein anderer Umgang mit der Ökologieproblematik wird hier deutlich. Der "smarte Youngster" (Nemeczek 1994, S. 50) malt seine Landschaften "mit dem Gefühl und der Gewißheit, daß die Schönheit einer Landschaft vom Zivilisationsmüll nicht zu trennen ist… Die Schönheit einer Landschaft, wie sie uns der weltweite Tourismus verheißt, der Mythos des Unberührten und das seltene Naturschauspiel verfolgen uns um so mehr, als wir wissen, daß diese Authentizität eine Illusion ist. Peter Rösel entlarvt sie nicht, weil es nichts zu entlarven gibt. (Das haben andere zu anderen Zeiten getan.) Peter Rösel malt liebevoll das Authentische inmitten des Zivilisationsmülls. Oder anders ausgedrückt: Er sieht es durch die Brille des Zivilisationsmülls. Darin liegt für ihn kein Widerspruch. Er weiß, daß diese Art von Schönheit infiziert ist, künstlich ausgegrenzt und gehortet wird oder durch den Blick des Fotografen ins Sublime verwandelt wird. Er geht davon aus, daß dies jeder weiß, aber er geht auch davon aus, daß Wissen und Empfinden ein nicht zu vereinigendes Paradox darstellen… Peter Rösel plädiert gegen ein Entweder - Oder. Das Paradox, das wir gefühlsmäßig nicht in Einklang zu bringen vermögen, hat mit der Einstellung diesem Paradox gegenüber zu tun." (Ammann 1993a, S. 258f)

 

Kunst im Kontext

Rösels Einstellung zu seinen Landschaften scheint mir zusätzlich durch die Lust an der Erkundung des Banalen, der Ironisierung des Laienhaften geprägt zu sein. Denn was sind seine kleinen Landschaften anderes als laienhafte Miniaturen, wie sie landauf landab von Hobby- und Freizeitkünstlerinnen und -künstlern gemalt werden? Fast jede Sparkasse - ob in der Provinz oder den Außenbezirken der Großstädte - präsentiert beispielsweise solche Arbeiten in ihren Schalterräumen. Kennzeichnend für diese Art der Laienmalerei ist ihre "Stillosigkeit", d.h. man orientiert sich in der malerischen Umsetzung an keiner bestimmten Kunstrichtung, sondern am Naturalismus, wie ihn Kleinbildfotografien bieten. Hier kann allerdings lediglich darüber spekuliert werden, inwieweit Rösel bewußt Hobby- und Freizeitkunst paraphrasiert. Die vordergründig idyllischen Landschaftsausschnitte legen einen solchen Vergleich jedoch nahe; zumal Jean-Christophe Ammann in seinen Ausstellungskonzeptionen "Szenenwechsel" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst immer wieder couragiert Künstler vorstellt, die alltägliche Freizeitaktivitäten breiter Bevölkerungskreise, wie z.B. Sticken oder Fernsehen aufgreifen und verarbeiten (vgl. Ammann 1993b, S. 324ff.).

Wollen Künstlerinnen und Künstler heute auf sich aufmerksam machen und im Kunstbetrieb Erfolg haben, so bieten sich ihnen verschiedene, in der Vergangenheit bewährte Strategien an. Ein Weg ist der der Provokation, ein anderer der der Innovation und Originalität, ein weiterer der der Überdimensionierung der Werke. Meine Überlegungen sind keinesfalls als Verleumdungen des Kunstbetriebs zu verstehen (vgl. Grasskamp 1992, Peez 1993), sondern Künstler, die selbstreferentiell denken, hinterfragen in ihren Arbeiten auch Kunstmarktmechanismen. Kunst ist nicht auf künstlerische Autonomieideale zu reduzieren - wenn auch prominente Fachvertreter der Kunstpädagogik tendenziell diesen Eindruck zu erwecken versuchen - , sondern Kunst ist im kulturellen Kontext zu verstehen und bezieht sich auf diesen (Welsch 1993, S. 32). Der Künstler Hans Haacke legt immer wieder beispielhaft Kunstmarktmechanismen zwischen Wirtschafts-, Politik- und Kulturestablishment offen (etwa zum Erfolg seines Kollegen Julian Schnabel oder über das Kunstsammlerehepaar Irene und Peter Ludwig). (Tschechne 1993)

Rösels Dosenblecharbeiten sind leicht unter anderen Kunstwerken wiederzuerkennen, sie haben eine "Markenartikeleigenschaft": "Dies ist der Künstler, der kleine Bilder auf aufgenageltes Getränkedosenblech malt." Markenartikeleigenschaften sind keinesfalls negativ zu bewerten, denn der Künstler zieht - wie oben dargelegt - die Bearbeitung von verinnerlichten gesellschaftlichen Konventionen allenthalben einer Rethorik von Authentizität und Ursprünglichkeit vor. Im besten Sinne sind Rösels Dosenblecharbeiten auch auf das Element ihrer Markenartikeleigenschaft rückbezüglich. Durch die Bemalung von Markenartikelverpackungen schafft er unverwechselbare Trugbilder.

 

Literatur

Ammann, J.-Chr.: Peter Rösel. In: Ammann, J.-Chr.: Bewegung im Kopf. Vom Umgang mit der Kunst, Regensburg1993 a

Ammann, J.-Chr.: Bild und Zeit: Zum Denken von Gegenwart und vom Lesen der Kunst. In: Welsch, W. (Hg.): Die Aktualität des Ästhetischen, München 1993 b

Grasskamp, W.: Die unästhetische Demokratie. Kunst in der Marktwirtschaft, München 1992

Krey, I.: "Alltagsdinge sind Umweltprobleme". Bernd Löbach-Hinweisers "Umweltkritische Kunst" im Urteil von Schülern. In: K+U 180, 1994, S. 16 - 19

Nemeczek, A.: Bewegung im Kopf und im Steinbruch. In: art, Nr. 3, März 1994, S. 50

Peez, G.: Kunstbetrieb und Warencharakter von Gegenwartskunst. In: BDK-Mitteilungen Heft 4, November 1993, S. 10 - 13

Schmidt-Wulffen, S.: Vom Außenseiter zum Agenten. In: Welsch, W. (Hg.): Die Aktualität des Ästhetischen, München 1993

Tschechne, M.: Mitteilungen über den Zustand der Moral. In: art, Nr. 5, Mai 1993, S. 48 - 59

Welsch, W.: Das Ästhetische - eine Schlüsselkategorie unserer Zeit? In: Welsch, W. (Hg.): Die Aktualität des Ästhetischen, München 1993

Zülch, M.: Ökologie - Ein Leitbild ästhetischen Engagements. In: K+U 125, 1988, S. 12 - 21


Bibliografische Angaben zu diesem Text:

Peez, Georg: Analyse und Interpretation. Zum Beispiel: Peter Rösel. "Landschaften". In: Kunst + Unterricht, Heft 191, April 1995, S. 14 - 15


Georg Peez (http://www.georgpeez.de) Zuletzt geändert am 13.04.2003